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Warum Aquarienchemie?

Warum muss man sich als Aquarianer mit Chemie beschäftigen? Wenn die Fische sich vermehren, ist es doch egal, ob man vorher die Wasserwerte gemessen hat oder nicht. Und warum sollen wir Aquarianer unser Wasser testen? Können wir die Zahlen denn überhaupt so interpretieren, dass wir Rückschlüsse auf das Wohlbefinden unserer Fische ziehen können? Oder wissen wir, wie wir das Wohlbefinden verbessern können? Unter Freunden: Das können wir nicht. Warum messen wir dann aber überhaupt? Was kann die Aquarienchemie für uns leisten?

Von Guido Kirsten


Vielfach wird die Aquarienchemie als der Schlüssel zu allen Problemen angepriesen. Ob ein Aquarium veralgt, ob die Fische sich vermehren und die Pflanzen wachsen - all das soll mit der Aquarienchemie zu erklären sein.
In der täglichen Praxis sieht das indes ganz anders aus. Richtet man zwei Aquarien völlig gleich ein, so wird nicht selten eines veralgen, während das andere algenfrei bleibt. Es lässt sich aber nicht vorhersagen, welches Aquarium veralgt. Es gibt auch viele Fälle, in denen eine Fischart nur in einem speziellen Aquarium gedeiht und in allen anderen Aquarien der gleichen Anlage zum Problemfisch wird. Doch selbst wenn man das Wasser analysiert hat, bekommt man keine Aufschlüsse, warum so etwas passiert.
Man muss sich allerdings vor Augen halten, dass wir nur von wenigen Stoffen, die im Wasser gelöst sind, die Konzentration bestimmen können und demgegenüber über eine schier unüberschaubare Fülle von Stoffen gar nichts wissen. Man kommt auch leicht zu dem Schluss, dass man - ließen sich nur alle Stoffe genau genug bestimmen - alle Fragen beantworten könnte. Doch wird diese Forderung kaum zu erfüllen sein. Zwar gibt es heute Verfahren, mit denen man noch Konzentrationen bestimmen kann, die einem Stück Würfelzucker im Bodensee entsprechen, aber diese Methoden sind für die Aquaristik zu aufwendig und viel zu teuer.
Und selbst wenn wir solche Verfahren einsetzen könnten, hatten wir nur eine Momentaufnahme und könnten nichts darüber sagen, wie das System Aquarium sich langfristig weiter entwickeln wird. Kann man es dann nicht gleich ganz lassen? Nein! Wir müssen den Anspruch zurückschrauben und uns einmal ansehen, was die Aquarienchemie wirklich leisten kann.

Was kann Chemie?
Die Chemie kann uns Aquarianern auf zweierlei Art helfen - zum einen bei der Analytik, also der Messung von Stoffen, die im Wasser gelöst sind, und zum anderen bei der Erklärung von Zusammenhängen.
Zwar ist die Analytik heute in der Lage, Erstaunliches zu tun, aber im Aquarium brauchen wir diese Genauigkeit nicht, da viele Konzentrationen in einem Maße schwanken, dass man auch mit hoch genauen Messmethoden keine besseren Aussagen machen kann.
Fragestellungen, bei denen man sehr empfindliche Methoden braucht, müssen wir den Wissenschaftlern überlassen, da der Aufwand für einen Normalaquarianer zu hoch wäre. Trotzdem können solche Stoffe (etwa Pestizide) schon negative Auswirkungen auf unsere Fische haben.

Aber nicht nur durch das Wasser kommen Fremdstoffe in das Aquarium. Durch die Raumluft können ebenfalls viele leicht flüchtige Stoffe hinein gelangen. Alle diese Stoffe müssen wir unberücksichtigt lassen. Gemessen werden traditionell Gesamthärte (GH), Karbonathärte (KH), pH-Wert und Nitrit, seltener Nitrat, Eisen, Sauerstoff, Ammonium und Kohlendioxid.
Aber wie kann die Chemie uns helfen, aus den wenigen Informationen doch ein recht gutes Bild von den Verhältnissen unter Wasser zu bekommen?
Im ersten Schritt muss man sichmit der Sprache der Chemiker auseinandersetzen. Die Zusammenhänge im Aquarium sind so komplex, dass sie ohnehin schwer zu verstehen sind, und das Fachvokabular macht es dem Laien nicht einfacher. Dabei sind es nur wenige Prinzipien, die dahinterstecken.

Man muss sich allerdings von vielen falschen Dogmen, die in der Aquaristik umhergeistem, frei machen. Man sollte sich nie an die Zahlenwerte klammern und versuchen, sie zu kopieren. In der Aquaristik darf man die Chemie nicht um der Chemie Willen betreiben; die Tiere und die Pflanzen gehören in den Mittelpunkt. Man muss sich also immer fragen: Was bedeuten die Messwerte für den Fisch? Und deshalb sind die Wirkung und nicht die Zahlen nachzuahmen Nun haben wir allerdings das Problem, dass wir die Wirkungen nicht einzeln betrachen können, weil nahezu alle Stoffe, die im Wasser vorliegen, miteinander reagieren können und das auch tun. Das bedeutet, dass sich etwa durch eine kleine Änderung einer Konzentration viele andere Werte teilweise dramatisch ändern können.
Man muss also lernen, ein Gefühl für dieses System zu bekommen. Nun haben wir Menschen aber keine Vorstellung davon, wie beispielsweise der pH-Wert sich auf einen Fisch auswirkt. Womit kann man das chaotische System Aquarium also in unserer Vorstellungswelt vergleichen?

Versuchen wir es einmal mit dem Wetter: Genau wie die Luft auf uns Menschen wirkt das Wasser auf unsere Pfleglinge ein. Natürlich gibt es Unterschiede. Schließlich ist Wasser ein viel dichteres Medium als Luft und enthält auch ein Vielfaches von Stoffen, aber versuchen wir trotzdem einmal, dieses Bild weiter zu entwickeln.
Bis vor einigen Jahren waren Wetterberichte ja auch eine Ansammlung von Luftdrücken, Temperaturen und Windgeschwindigkeiten, aus denen der nicht Eingeweihte kaum ersehen konnte, wie denn das Wetter morgen sein würde. Ähnlich geht es uns Aquarianern, die aus Temperatur, Gesamt- und Karbonathärte sowie pH-Wert etwas über das Klima im Aquarium erfahren wollen. Und genauso, wie es unmöglich ist, allein aus dem Luftdruck zu schließen, ob es regnen wird oder nicht, verbinden wir mit einem Hochdruckgebiet schönes Wetter. In vielen Fällen ist das auch richtig, aber leider nicht immer.
Genauso verhält es sich mit Wasserwerten aber auch. Eine Gesamthärte ist schon in der Lage, sehr vieles zu beschreiben, aber für sich allein genommen lässt sie keine Rückschlüsse zu. Es ist jedoch durchaus legitim, sich erst einmal mit einfachen Fällen zu beschäftigen, um die Grundprinzipien überhaupt zu begreifen. Man darf nur nicht vergessen, dass reale Systeme um ein Vielfaches komplizierter sind.

Allerdings kann man sich durchaus vorstellen, dass die Fische sich bei bestimmten Wasserwerten ähnlich fühlen wie wir an einem schwülen Sommertag, während eine andere Kombination wie ein frischer Frühlingswind wirken könnte. Dabei ist die Herkunft der Tiere ebenfalls von entscheidender Bedeutung - ein Eskimo wird in der Wüste schwitzen, während der Tuareg am Nordpol friert. Wie es nach einer heißen Periode im Sommer ein Gewitter geben wird, so gibt es auch unter Wasser Wetterumschwünge - leider nicht nur zum Guten, sondern eben auch zum Schlechten. Diesen Effekt nennen wir dann "Umkippen".

Und hier kommt nun die Chemie zum Zug. Sie kann uns nämlich helfen, etwas über die Vorgänge im Wasser und das Zustandekommen der Werte zu sagen. Haben wir als Aquarianer gelernt, an unseren Fischen zu erkennen, ob ihnen das "Wetter" unter Wasser behagt, dann kann man mit chemischem Verständnis erkennen, wie das Unterwasserwetter sich entwickelt, und rechtzeitig Probleme erkennen und vermeiden -oder durch gezielte Veränderungen ein Klima herstellen, das bei unseren Fischen "Frühlingsgefühle" erzeugt.


© Text, Bilder: Beitrag aus der Aquarien-Praxis 7/2004, mit freundlicher Genehmigung des Autors, der Datz und des Ulmer-Verlages

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