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Sind dreißig Aquarien normal?
Beipacktext für alle, die es riskieren und sich (noch) ein Aquarium anschaffen...


Von Jürgen Haberstroh


Sind dreißig Aquarien normal? Normalerweise nicht. Außer man ist Aquarianer. Und ein bißchen verrückt. In meinem Bekanntenkreis wimmelt es von Verrückten. Wir bleiben unter uns. Auf der Straße bewegen wir uns wie ganz normale Bürger. Nur - wenn wir in die Auslage eines Schuhgeschäfts schauen stellen wir uns vor, wie schön sich das Glas für ein Aquarium eignen würde. Vor Zoohandlungen werden wir unruhig.
Die Hände werden feucht, wenn sie nach der Brieftasche tasten. Der Ruhepuls klettert und erreicht seinen Normalwert.

Die meisten Zoohandlungen verdienen eine solche Aufregung gar nicht. Trotzdem. Es könnte ja sein, daß... Vor wenigen Minuten hat der Fremde die Wohnung verlassen. Erschöpft rauche ich eine Memphis Menthol. Das Hemd klebt mir am Leib, und auf dem Wohnzimmerboden schwimmen Nester von Wasserlinsen. Ich habe drei Guppys verkauft. Der Fremde war drei Stunden bei uns. Typischer Anfänger. Trank Kaffee, aß Kuche, qualmte die Wohnung voll. Ein Guppy pro Stunde - nicht schlecht! Triumphierend halte ich meiner Liebsten eine Fünfzig Schilling Banknote entgegen. "Ein Fünfziger", krächze ich heiser. "Ja", die Antwort.
Wenn wir Besuch bekommen, dann ist was los! Sprichwörtlich. Besuch, das heißt es geht meist um Fische. Meine Liebste sucht dann rasch das Weite, heißt, sie geht inzwischen shoppen.

Das kann Stunden dauern. Schwer beladen kehrt sie zurück. Lange kann ich mir das nicht mehr leisten. Aber das nimmt man in kauf. Wenn jemand dreißig Aquarien zuhause stehen hat und dafür keinen eigenen Raum oder Keller, sondern in der Wohnung, bekommt das Wörtchen Toleranz plötzlich eine ganz neue Bedeutung. Die meisten Besucher haben zuhause ein, vielleicht zwei Aquarien stehen. Dreißig Becken auf einen Fleck verursachen dann bei vielen Schweißausbrüche.
"Was mache ich falsch?", fragen sie sich. Gar nichts. Sie sind gesund, jeder Arzt kann das bestätigen. Dreißig Aquarien - schön! Möchte ich auch haben!
Ein Fischbesatz, der jeden Zoohändler neidisch erblassen läßt? - Phantastisch!
"Wieviel Arbeit das alles verursacht?" Ach, fast keine. Zwei lächerliche Stunden. Höchstens! Vielleicht drei. Ich sage nicht dazu - pro Tag! Der Gute könnte das vielleicht nicht verkraften.
Also nimmt der Besucher beim nächsten Zoohändler die fehlenden 28 Becken mit, samt Technik und allem drum und dran.
Ein Kleinwagen ginge sich für das Geld auch aus. Aber in seiner Familie gibt es schon drei davon.
Beim nächsten Mal erzählt er mir, daß er seinen gutbezahlten Job inzwischenaufgegeben hat. Er ist Fischzüchter geworden.
Von der Fürsorge bekommt er jetzt eine Sonderunterstützung. Nur - seine Frau hat ihn mitsamt den Kindern verlassen.

"Ist auch gut so", flüstert er verschwörerisch und wirft einer trächtigen Guppy-Lady eine Kußhand zu. "Nächste Woche ist Hochzeit!"
Das Haus hat er inzwischen vollverkachelt und klimatisiert. Weil Platz kostbar ist schläft er in einer Hängematte, die zwischen zwei 1000-Liter-Wannen aufgespannt ist.

So kann er immer aufspringen und schlaftrunken seine Diskusfische füttern, wenn die ihn anpiepsen. Den Wasserwechsel managt er mit einem Feuerwehrschlauch, der quer durchs Haus verlegt wurde. Im Keller dröhnt der Luftkompressor, mit dem man bequem drei Presslufthämmer betreiben könnte. Wieviele Aquarien der Gute jetzt besitzt? Ich weiß es nicht. Demnächst plant er das Haus in ein Aquarium umzubauen. Stolz zeigt er mir die Schwimmhäute zwischen seinen Zehen. "Vom Chirurgen, der auch Michael Jackson behandelt". Der Mann ist doch ganz normal!?
Sicher, werden Sie sagen. Ganz normal. Alter Hut, kaum der Rede wert.
Sie kennen das, weil Sie selber einer von dieser Sorte sind.
Sonst würden Sie jetzt Autowaschen oder Honigwaben schleudern. Oder mit den Kindern spielen.
Denn die Frau muß arbeiten, um Geld nachhause zu bringen. Wenn Ihr Sprößling ein Aquarium möchte werden Sie laut "NEIN" sagen.
Es bleibt nicht bei dem einen. Es ist eine Sucht. Die einen rauchen und vertrinken ihr Vermögen, die andern schaffen sich Aquarien an und werden auch ärmer. Als würden sie Junge bekommen, bevölkern sich die Regale.
Ein Kinderzimmer reicht da schon bald nicht mehr aus.

Vielleicht sollte man das Kind abgeben? Vielleicht bei der nächsten Fischbörse... Vorsichtshalber.
Man kann ja nie wissen. Sicher ist sicher.

Erstveröffentlichung: Aquarien-post Jahrgang 1., Heft 1, Februar 1996


Der Panzerwels, der meine Hand durchstach


Der Panzerwels, der meine Hand durchstach, lebt heute noch im meinem 375 Liter-Gesellschaftsbecken und erfreut sich bester Gesundheit.
Die Sache, von der ich erzählen möchte, spielte sich vor etwa einem halben Jahr ab. Mir ist, als wärs gestern gewesen, und mit Schaudern denke ich daran zurück, wie er Panzerwels meine Hand durchstach.
Was war geschehen? Nun - der Fisch, um den es sich handelt, war ein Panzerwels aus der Gattung Brochis, nämlich der Smaragdpanzerwels Brochis splendens. Die Männchen dieser Art beginnen von Zeit zu Zeit im Schaubecken ihre Weibchen, die starken Lachansatz zeigen, zu treiben.
Leider konnte ich sie nie beim Ablaichen beobachten, und auch Eier fanden sich keine an Blättern und Aquarienscheiben.

Als es wieder einmal soweit war, wollte ich die Tiere herausfangen und in ein Ablaichbecken setzen. Als ich fast fertig war und nur noch ein Männchen aus dem Netz in den Meßbecher setzen wollte, passierte es: beim Umfassen des Tieres spreizte der Wels in typischer Panzerwels-Manie alle Flossen ab. In der Natur hindert dieses Verhalten Raubfische oder Vögel daran, die Welse zu schlucken, da sie sich im Maul oder Schlund festklemmen. Sie bleiben ihnen sprichwörtlich "im Halse" stecken.
In diesem Fall durchstach der Wels mit dem ersten, besonders spitzen Brustflossenstrahl meine Hand knapp unterhalb des kleinen Fingers, ziemlich genau am Ende der Lebenslinie. Nun glaube ich zum Glück nicht besonders an derartigen Spuk, sonst könnte ich jetzt nicht dasitzen und erzählen, was damals geschah.
Jedenfalls spürte ich einen Stich, der - wenn Sie erlauben - dem einer Nadel sehr ähnlich war, und wunderte mich im ersten Moment, wer denn da wie und was... Ich zog die Hand im Schreck aus dem Wasser und daran hing - der Panzerwels!
Ich erbleichte. Tatsächlich - wenn Sie den Artikel von Konrad Lorenz (Anm.: Fischblut) gelesen haben - befand ich mich in einer unmöglichen (Konflikt)-Situation, wußte im ersten Moment nicht vor oder zurück.
Der Panzerwels ließ furzend Luft ab und blickte mich fragend an.
Schließlich erinerte ich mich daran, daß ich schreien konnte.
Ich schrie!

Meine Liebste kam gerannt und sah mich fassungslos an: "Was machst du mit dem armen Wels?"
Was macht der Wels mit mir, fragte ich mich und stolperte panisch mit dem Panzerwels, der meine Hand durchstach, in der Wohnung herum.
"Eine Schere!", schoß es mir durch den Kopf. Glücklicherweise fand sich keine Schere. Schließlich hatte der Wels genug von der Stecherei und ließ von mir ab; heißt, er fiel klatschend auf den Wohnzimmerboden.
Ich nahm den Fisch vorsichtig auf und setzte ihn wieder ins Becken zurück. Die Wunde hat sich zum Glück nicht entzündet, und es ist nicht mal eine Narbe zurückgeblieben, die ich herzeigen könnte.

Erstveröffentlichung: Aquarien-post Jahrgang 1., Heft 2, Oktober 1996


Wie oft denkt man(n) an sein Aquarium?


Es ist erstaunlich: Die Wellen schlagen ans Ufer, der Bach schlängelt sich noch - ahnungslos - durch den Vorgarten und transportiert den Stoff, aus dem Aquarianerträume weltweit gemacht sind, richtung Ozean. Sand!
Für den einen nur ein wertloses Zerfallsprodukt schroffer Gebirgszüge, gut für Mauerwerk und Sandkisten, für Aquarianer der wichtigste Rohstoff für die Erzeugung seines nächsten Vorzeige-Aquariums. Glück und Glas, sagt das Sprichwort, und wie zerbrechlich das sein könne.
Auch davon hat man bislang nur über vier Kanten aus Erzählungen Dritter gehört. Solange es nicht das eigene Aquarium betrifft, nimmt man derartiges nur flüchtig zur Kenntnis und entsorgt den Gedanken reflexartig - in bewährter Weise - beim nächsten Teilwasserwechsel.

Eines Tages ertappte ich mich bei dem Gedanken, dass ich öfter an meine Aquarien denke als an meine Frau. Nicht möglich!  Ausgeschlossen, das darf doch nicht sein, dachte ich bestürzt, bis mir in den Sinn kam, dass ich es ja mit knapp 90 Aquarien zu tun habe, aber nur mit einer Frau.

Also stimmt die Relation schon wieder einigermassen. Ich reimte mir zusammen, dass das Verhältnis 1:90 zwar, statistisch gesehen, die Aquarien gravierend bevorzugt, dass die Gewichtung aber eine ganz andere sei: wenn von den 90 Aquarien einmal eins vergessen wird, dann passiert normalerweise - nichts.
Barben, Salmler und co machen kommunal einen auf eisvogelreif, ziehen spitze Mäuler und betteln am nächsten Tag ein wenig aufdringlicher um Futter. Die wüstesten Cichliden geben ihre Reviere - statt für ein Königreich - für eine billige Futterflocke auf, klemmen artig ihre Flossen und drücken die Nasen mitleidig an den Scheiben platt - nur, um nach der Fütterung wieder grimmig ihr Gelege zu verteidigen.
Die Hand, die sie füttert, beissen sie wie selbstverständlich, und der Aquarianer zeigt sich ergriffen und frohlockt über diese kompromisslose Haltung der Fischnatur in seinem Wohnzimmeraquarium, freut sich schon auf den nächsten, natürlich zufälligen Handgriff in Reviernähe: bitte, beisst mich nochmal!

Sie sind nicht nachtragend und können in ihrem Verhalten gar nicht anders, als es ihnen vererbt oder instinktgesteuert vorgegeben war, sind auf ihre Art gefrässig und besitzergreifend, aber nicht nachtragend. Das ist doch selbstverständlich so, das ist doch normal und gut so.

Wenn ich bei meiner Frau einmal eine Kleinigkeit vergesse, eine Erledigung, ein Jubiläum gar, dann ist normalerweise der Teufel los, und ich bekomme, um im Fachjargon zu bleiben, Ichthyophthirius multistressilis.

Zur Heilung genügt dann dann keine leckere Gurkenscheibe, ein Knäuel fetter Tubifex tubifex im Futterring oder ein Büschel auf Holz gebundenes Javamoos, es darf ein teureres Bündel Landpflanzen mit erwiesenem homöopathischem Langzeiteffekt sein, damit ich wieder was zu Essen bekomme und die Pünktchen aus dem Flensburger Langzeitgedächtnis der Liebsten wieder gelöscht werden.

Meine Frau ist da auch ein wenig nachtragender, nicht wie meine Cichliden - wenn sie dann vor meinen glasigen Vierkantaugen auftaucht, dann dauert der pflegende Eingriff den ganzen Abend, und noch am nächsten Tag grollts durchs Gemäuer.

Um aber beim Thema Aquarien zu bleiben - Aquarien selber sind natürlich selbstlos und nicht nachtragend, wie könnten sie auch - im Gegenteil: Aquarianern muss niemand eins nachtragen, man laufe ihm mit offenen Armen federnden Schritts in den Sonnenuntergang entgegen! Nachts wird das Teil ins Regal gewuchtet, mit vorbereitetem Wasser gefüllt und mit Nachzuchten bestückt, auf dass es am nächsten Morgen nicht weiter auffalle. Wo es herkomme, das neue Aquarium? Ach, aus dem Archiv. Es war schon immer da, wie selbstverständlich man(n) doch sein kann. Eines mehr oder weniger - Ob das einen gravierenden Unterschied mache? Eben keinen besonderen, einen kleinen vielleicht, aber darauf kommt es jetzt auch nicht mehr an.

Was Aquarien und Frauen dennoch gemeinsam haben? Es gibt soviele schöne davon, die man sich gerne ansieht. Aber das eigene Aquarium ist und bleibt das Schönste. Das ist doch selbstverständlich so, das ist doch normal und gut so.

27.11.2005

© Texte: Jürgen Haberstroh

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