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Aquariumpflanzen niemals mit Topf ins Aquarium setzen - Warum eigentlich nicht?
Anmerkungen, wie man Schwertpflanzen (Echinodorus sp.) kurzfristig die Eingewöhnung im Aquarium erleichtern und den Anwuchserfolg langfristig verbessern könnte.

Von Jürgen Haberstroh


Aquariumpflanzen niemals mit dem Topf einsetzen - so liest man es in jedem besseren Buch, das auf sich zu halten versucht, wenn das Thema 'Einsetzen der Aquariumpflanzen' behandelt wird, und als Gründe dafür werden u.a. angeführt, dass

- sich die Pflanzenwurzeln in dem geringen zur Verfügung stehenden Raum nicht ausbreiten können und die Pflanze im Wachstum zurückbleibt (Bonsai-Effekt). Dass das nicht immer so sein muss, zumindest nicht kurz- oder mittelfristig, darauf werde ich später eingehen..
- der Ansatz der Blattrosette in den Kunststoffkorb einwächst und so eingeschnürt wird. Dieses Argument ist richtig und kann nachfolgend bestätigt werden.
- in der Steinwolle aus der Gärtnerei möglicherweise grössere Mengen Düngemittel ins Aquarium eingetragen werden könnten. Der Grossteil der Aquariumpflanzen wird emers (= ausserhalb des Wassers) kultiviert, die Wurzeln stehen in einer überdüngten nitrat- und phosphatreichen Nährstofflösung. Nach dem gründlichen Wässern der Pflanzen sollte dieses Problem nicht auftreten, in meinen Pflanzenbecken sind Eutrophierungsprobleme (= Überdüngung) noch nie problematisch in erscheinung getreten.
- die Steinwolle von manchen Fischen gefressen werden könnte und diese in der Folge Schaden nehmen. Ein aquaristisches Schauermärchen, das sich bestenfalls als Platzhalter in diversen Büchlein eignet und gewissenhaft von einem Autor zum anderen ungeprüft weitergereicht wird. Mir ist auch keine Literaturstelle bekannt, wo von Darmverschlüssen oder Verdauungsproblemen, hervorgerufen durch 'moderne' Pflanzfasern, berichtet wird.

Blüte von Echinodorus cordifolius

Nun - kleine Bodendecker wie Lilaeopsis (Echinodorus) tenellus, Glossostigma elatinoides, Echinodorus isthmicus oder kleinwüchsige Sagittarien könnte man durchaus mitsamt dem Topf einsetzen und abwarten, bis sie sich mit ihren Ausläufern über den Topfrand vermehrt haben. Die kleinen Ablegerpflänzchen wurzeln im benachbarten Kies oder Sand an und können nach einer gewissen Zeit, die idealerweise der Einlaufzeit des Aquariums entspricht, von der 'Mutterpflanze' abgetrennt werden.

Zumindest würde man sich damit die mühevolle Kleinarbeit mit Pflanzennadeln oder Pflanzpinzette ersparen, um die ausgepackten Pflanzen komplett im Bodengrund zu fixieren (um nicht zu schreiben: zu verscharren). Wenn die Töpfe frisch aus der Gärtnerei kommen, kann man sie ja in einem kleinen beleuchteten Aquarium einige Tage wässern, gleichzeitig die Gewähr, dass man sich keine ungebetenen Gäste (Zünslerraupen, Libellenlarven, Schnecken) ins Aquarium einschleppt. Die Steinwolle selber kann man mit einer geringen Schicht Aquariumkies vor den Fischen verbergen, solange keine wühlenden oder zupfenden Arten im Becken sind. Zwar stellt die Steinwolle nach meinen Erfahrungen keine Gefahr für Fische dar (denn welcher Fisch nimmt schon freiwillig anorganisches geschmackloses Material zu sich), es macht sich aber unschön im Becken bemerkbar. Manche Gärtnereien verwenden anstelle der Steinwolle ein Geflecht, das sich später zersetzt und mit Torf gefüllt ist. Man kann sie bedenkenlos im Kies einsetzen und erreicht damit einen wesentlich besseren Anwuchserfolg - ein Wurzelrückschnitt ist nicht notwendig. Hauptsächlich wendet man diese Methode bei den teureren Froschlöffelgewächsen der Familie Echinodorus, die bei den Aquarienfreunden als Schwertpflanzen bekannt sind, an.

Erfahrungsgemäss wachsen die Pflanzen mit der 'Mutterpflanzenmethode' erheblich schneller an, da der vorübergehende Verlust des Feinwurzelwerks beim Entfernen aus dem Pflanzentopf wegfällt.
Die 'Methode' ist für ausläuferbildende Vordergrundpflanzen anwendbar. Nebenbei kann man auf diese Weise recht einfach und kostensparend (wenn Zeit keine Rolle spielt) grössere Bereiche des Vordergrundes begrünen, indem man der 'Mutterpflanze' Gelegenheit gibt, sich über den Topfrand zu vermehren. Sind die Adventiv- oder Ausläuferpflanzen lebensfähig und angewurzelt, trennt man sie von der 'Mutter' ab, entnimmt den Topf und setzt ihn an anderer Stelle neu ein.
Bei Stängelpflanzen hat sich herausgestellt, dass bei den Topfarbeiten in der Gärtnerei oft Blattbestandteile in das Substrat eingearbeitet werden. Ausserdem werden die Stängel nicht unterhalb der Nodien (= Verdickung im Stängel) gekappt, sondern beim Arbeitsprozess irgendwo im Stängelbereich geschnitten. Wurzeln bilden die Stängelpflanzen jedoch nur im Bereich der Knoten und das überstehende Stängelteil verfault - die Pflanzen treiben auf, der Stängelteil vergammelt im Kies. Es ist auch nicht notwendig, Stängelpflanzen im Topf im Aquarium zu kultivieren - wenn die Bedingungen passen, werden sich die Pflanzen in kürzester Zeit bewurzeln und mit dem Längenwachstum beginnen.
Die Zersetzungsprozesse im schwach durchströmten Material der Pflanzwolle können Fäulnisprozesse verursachen und in weiterer Folge anaerobe (= unter Abwesenheit von Sauerstoff) Zersetzungsvorgänge, die Fischen tatsächlich schaden können (Schwefelwasserstoff, der sich in Spuren bereits hochgiftig auswirkt, kann entstehen). Diese Vorgänge können - zugegeben - ebenfalls in der Steinwolle der Topfpflanzen ablaufen, wenn in den Gärtnereien schlampig gearbeitet wurde. Abgestorbenes Wurzelwerk beginnt zu verfaulen und belastet unnötig das Aquariumwasser - in diesem Fall die Topfpflanzen prüfen, ob die Wurzeln bereits eine Verbindung mit dem Topfsubstrat eingegangen sind oder nur in zwei bis drei Spalten des Substrates reingequetscht wurden. In diesem Fall ist es besser, die Steinwolle sofort zu entfernen, das Hauptargument, nämlich dem vorzeitigen Verlust des vorhandenen Feinwurzelanteiles vorzubeugen und der Pflanze eine leichtere Anpassung an die vorgegebenen Lichtverhältnisse im Aquarium zu ermöglichen, ist nicht gegeben. Sicherheitshalber den obligatorischen Wurzelrückschnitt durchführen und 25 % der Blätter entfernen und die Pflanze - wie später geschildert - im Aquariumsubstrat einpflanzen.

Ebenso kann man grössere Schwertpflanzen (Echinodorus sp.) mit dieser etwas abgewandelten Methode besser an die Beleuchtungsverhältnisse im 'Heimaquarium' eingewöhnen. Man stellt die Pflanze mit Topf ins Aquarium, nicht ohne ihr zuvor etwa 1/4 des Laubes zu nehmen - der Rückschnitt der Blätter soll eine Nährstoff-Unterversorgung bzw. Schwächung der gesamten Pflanze verhindern helfen. Die Massnahme ist später in Kombination mit einem Wurzelschnitt in jedem Fall empfehlenswert.

Das Eingewöhnen sog. Mutterpflanzen geht aber mit dem Einstellen ins Becken ohne Wurzelschnitt leichter vonstatten. Diese Mutterpflanzen, meistens einige Zeit im Gewächshaus bereits im Topf kultiviert, oft mit erkennbaren Blüten oder Tochterpflanzen an Adventivsprossen, verlieren beim unmittelbaren Einsetzen in den Aquariumkies den Grossteil ihres Feinwurzelwerkes. Diese Feinwurzeln, mikroskopisch klein, ermöglichen der Pflanze erst die Aufnahme der Nährstoffe. Alles, was man mit blossem Auge an Wurzelwerk erkennen kann, dient lediglich der Verankerung der Pflanze im Substrat bzw. der Erschliessung neuer Nährstoffschichten. Grosse Verluste an Ankerwurzeln bedeutet für die Pflanze keine Verschlechterung der Nährstoffversorgung, da im Aquarium die Verankerung im Substrat nicht die Rolle wie in periodisch überschwemmten Uferbereichen mit Hochwassereinfluss übernimmt, allerdings sind die Fein- und Feinstwurzeln nach dem Entfernen aus dem Substrat wertlos - die biochemisch aufgeschlossenen Mikrobereiche im Substrat gehen verloren.

Damit kann die Pflanze ihre Blätter und grünen Teile nicht mehr ausreichend mit Nährstoffen versorgen, ihre Erhaltungs- bzw. Wuchs-Energie richtet sie daher im neuen Umfeld zunächst primär in die Ausbildung neuer Wurzeln - typische Folge: die meisten Blätter, v.a. der äusseren Blattspreite, werden gelb und sterben ab.
Um das zu vermeiden und die Lebensenergie der Pflanze in die Bildung neuen Feinwurzelwerkes statt in die Erhaltung überflüssigen Laubes zu lenken, wird ein Wurzelschnitt von mindestens 1/3 mit einer Schere durchgeführt - damit wird das Fein-Wurzelwachstum insgesamt erheblich angeregt, das sich in vollem Umfang erst auf neuen Ankerwurzeln entwickeln kann.
Um eine Unterversorgung des 'alten' Blattgrüns zu vermeiden, werden mindestens 25 % der Blätter entfernt (bei einer Schwertpflanze mit 6 Blättern wären das zwei Blätter), vorzugsweise die äussersten dunkelgrünen.

Hintergrund: die Blätter müssen sich zunächst auch vom 'Gärtnereilicht' (Tageslicht oder eine Kombination mit Kunstlicht) auf das Aquariumlicht (Kunstlicht anderer Qualität und Quantität) umstellen. Die ältesten Blätter schaffen das nur mehr bedingt oder gar nicht mehr, sie belasten nur die Pflanze, weil sie zur Erhaltung ebenfalls Nährstoffe benötigen, die für die Wurzelbildung und Bildung neuer Blätter fehlen. Erst die angesprochene Neubildung von Blättern unter Aquariumlichtbedingungen ermöglicht es der Pflanze, 100% photosynthetisch aktives Laub zu bilden.
Das Einstellen der Mutterpflanze oder der in der Gärtnerei für einige Wochen im Verkaufstopf kultivierten Aquariumpflanze für 3-4 Wochen ins Aquarium, ohne sie aus dem Topf zu entfernen, bewirkt also, dass

- die Pflanze ihre Feinwurzeln vorübergehend behalten und damit weiter Nährstoffe aufnehmen und für die Neubildung neuen Laubes verwenden kann.
- die Pflanze ihre Energie in die Bildung neuer, photosynthetisch effektiverer Blätter leiten kann und in der Folge in kürzerer Zeit besser mit den dramatisch veränderten Wachstumsbedingungen (Gärtnerei --> Aquarium) umgehen kann.

Eine wesentliche Erleichtung und recht einfach umzusetzende Anwuchshilfe für alle Echinodorus-Arten! Vor dem Einbringen der Pflanze nach dieser Eingewöhnungsphase ins Aquarium nicht vergessen, der Pflanze dennoch etwa 25 % der ältesten Blätter zu nehmen und einen Wurzelschnitt durchzuführen - sie sind nutzlos und bringen für das spätere Gedeihen der Pflanze keinen Vorteil

Hat die Echindodorus-Mutterpflanze (oder kleine getopfte Echinododrus) nun 2-3 neue Blätter unter Aquariumbedingungen gebildet, kann man daran gehen, sie aus dem Topf zu entnehmen. Die Steinwolle wird entfernt, die Wurzeln um 1/3 zurückgeschnitten und der Pflanze wiederum 1-3 (je nach dem wie gross sie wirklich ist) der ältesten Blätter der Rosette genommen. Die Blattstiele mit einer Schere oder einem scharfen Messer abtrennen, keinesfalls nach unten 'abziehen' - die entstehende Verletzung könnte das Pflanzenwachstum nachhaltig behindern und eine Eintrittsstelle für Keime (Fäulnis) darstellen. Die Pflanze kann dicht über dem Bodengrund vorübergehend durchaus aussehen wie der Strunk einer Ananas.

Weiterer Fehler beim Einpflanzen von Echinodorus-Arten (oder allgemein allen bewurzelten Aquariumpflanzen):
- die Pflanze darf nicht zu tief oder zu seicht eingesetzt werden (Tag-Nacht Grenze beachten), d.h. die Grenze zwischen Pflanzkorb-Substrat (z.B. Steinwolle) und Wasserkörper, die sich gut durch die sichtbare Verringerung von Chlorophyll (Weisswerdung) abzeichnet, muss später im Aquarium mit der Kiesobergrenze übereinstimmen.
- die Pflanze darf nicht 'verscharrt' werden, sondern wird mit dem beschnittenen Wurzelkörper ins vorbereitete Pflanzloch gestellt, etwas über Mass zugehäufelt und zum Schluss soweit vorsichtig angehoben, dass die Wurzeln nicht wie ein zerdrückter Pinsel im Pflanzloch zu liegen kommen, sondern wieder ziegenbartähnlich aufgerichtet werden. Grundvoraussetzung dafür ist selbstverständlich eine ausreichende Kieshöhe, die bei grösseren Echinodoren 5 cm nicht unterschreiten sollte. Als Anwuchshilfe hat es sich sehr bewährt, im Wurzelbereich eine Lehm- kugel oder Lateritkugel zu platzieren. Mineralische Düngetabletten erst 1-2 Wochen später verwenden und nicht direkt im Wurzelbereich verabreichen, um ein Verätzen der empfindlichen Feinwurzeln zu vermeiden.

Soweit die Theorie. Was passiert, wenn man eine kleine Schwertpflanze in einem offenen Aquarium mit HQI-Beleuchtung 'vor sich hin'-wachsen lässt und nicht gärtnerisch eingreift? Nicht düngt? Kein zusätzliches CO2 verabreicht?
Es wird, im Optimalfall, mit etwas Glück, eine Mutterpflanze daraus; mit vielen Blättern und Ablegerpflanzen. Entgegen allen Vorschriften und Lehrmeinungen hat sich bei mir so ein Riesenexemplar entwickelt, das ich näher vorstellen möchte:

Art: Echinodorus cordifolius
Wurzellänge (Ankerwurzeln, grösste) 66 cm
Seitenwurzellänge: (grösste) 8 cm, durchschnittlich 5 cm
Längstes gemessenes Blatt incl. Blattstiel: 84 cm
Blattlänge ab Stiel: 22 cm
Gesamtlänge des grössten Blattes (incl. herzförmigen Blattlappen, ohne Blattstiel): 25 cm
Dimension des grössten Blattes an der breitesten Stelle: 15 cm
Blätter: 12
Blütenstiele mit Ablegerpflanzen und Blüten: 4

Echinodorus cordifolius

Echinodorus cordifolius, nach 3 Monaten Kultur im Gärtnerei-Pflanztopf in 2-3 mm Kies, unter 150 W HQI Beleuchtung, ohne CO2-Düngung und ohne Mineraldüngung.

Der Bereich mit dem Pflanzkorb im Detail:

Echindorus cordifolius, eingewachsen im Pflanzkorb 

Eine Umfangreichere Belaubung wäre unter diesen Verhältnissen wohl nicht mehr möglich gewesen. Nach dem Aushub der Pflanze aus dem Aquarium, bei dem der Wasserspiegel glatt um einige Zentimeter absank, und dem darauffolgenden Fotografieren wurden ein Pflanzenrückschnitt durchgeführt und 3 alte Blätter entfernt.



Die Echinodorus unter der HQI-Lampe

Anhang:
Pflanzen, die keinen Wurzelrückschnitt oder Reduzierung der Blattmasse  benötigen:
Anubias sp. (Speerblätter), Javafarn, Knollenpflanzen, Stängelpflanzen

Pflanzen, bei denen ein Wurzelrückschnitt sehr empfehlenswert ist:
Schwertpflanzen (Echinodoren), Wasserkelche (Cryptocorynen), Sumpfschrauben (Vallisnerien), Tigerlotus (Nymphaea), Sagittarien

Pflanzen, bei denen eine begleitende Reduzierung des Laubes einen Anwuchserfolg drastisch verbessern kann:
Schwertpflanzen (Echinodoren), Wasserkelche (Cryptocorynen), Sumpfschrauben (Vallisnerien), Tigerlotus (Nymphaea)


© Text, Bilder: Jürgen Haberstroh

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