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Ein Büschel Grünalgen im Aquarium

Von Jürgen Haberstroh


Grünalgen stellen viele Aquarianer vor Probleme, wenn sie sich massenhaft vermehren und das Erscheinungsbild des 'gepflegten' Wohnzimmeraquariums verunstalten. Oft ist die Ursache in einer Massenvermehrung in der fehlenden Konkurrenz durch höhere Pflanzen zu suchen - überschüssige Nährstoffe werden durch die Algen gebunden.
Nicht immer sind Grünalgen so schlecht wie ihr Ruf - in Aquarien, in denen ansonsten keine oder kaum Pflanzen vorhanden sind, stellen die Algen eine gesunde Zusatzkost für nahezu alle Fischarten dar. Hauptsache, es grünt irgendetwas im Aquarium. Den Fischen ist es einerlei, ob sie sich in Grünalgenpolstern verstecken oder zwischen Wasserpflanzen. Nur bei langfädigen Arten, die gespinstartig Pflanzen und Dekoration vernetzen, ist Vorsicht geboten - kleine Fische können darin hängen bleiben und verenden.

Cladophora sp. im Aquarium

Die unbestimmte Cladophora-Grünalge im Aquarium. Das dekorative Büschel ist an einem Aquariumkiesel festgewachsen, die Strömung im Aquarium verstärkt das dynamische Bild eines lebenskräftigen und photosynthetisch hochaktiven Kleinstlebensraumes.

Grünalgen produzieren mit allen grünen Zellteilen sehr viel Sauerstoff und können so dazu beitragen, ein 'verfahrenes' Aquarium zumindest biologisch stabil zu halten. Man liest des öfteren, dass Grünalgen Zeiger guter Wasserqualität seien - ein schwacher Trost für den Aquarianer, den es betrifft. Bis zu einem bestimmten Verschmutzungsgrad kann das jedoch durchaus zutreffen. Bei höheren Nitrat- und Phosphatgehalten kümmern auch Grünalgen, und andere Algenarten setzen sich durch.

Eine Grünalge der Gattung Cladophora

Die besagte Grünalge aus der Gattung Cladophora auf Objektträger mit Deckglas, fotografiert im Makro-Modus mit der Kamera auf weissem Papierhintergrund.

Grünalgen lassen sich leicht bekämpfen - eigentlich bedarf es nur einer angemessenen Zahl algenfressender Fische (Siamesische Rüsselbarben, Algensalmler oder Garra-Arten) oder Garnelen (Caridina japonica, Amano-Garnele), einem Grundstock schnellwachsender Wasserpflanzen (Wasserpest, Hornkraut, Indischer Wasserwedel, Ludwigia oder Indischer Wasserstern) und einer regelmässigen Nährstoff- und Kohlenstoffdioxiddüngung, und man bekommt das Problem mittelfristig in wenigen Wochen wieder in den Griff. Auch regelmässige umfangreiche Teilwasserwechsel, beginnend bei einem zweimaligen 50%-Teilwasserwechsel wöchentlich, helfen wirksam mit, ein 'grünveralgtes' Aquarium wieder ansehnlich zu machen.

Keinesfalls soll dem Grünalgenproblem mit Algenmitteln zu Leibe gerückt werden - derartige Herbizideinsätze richten das Aquarium biologisch zugrunde und bewirken im besten Fall eine Verminderung des Algenaufwuchses. Meist gelingt es damit nur zuverlässig, die Grünalgen kurzfristig im Bestand zu reduzieren und die Lebensbedingungen für eine noch hartnäckigere Alge zu optimieren.

In jedem Fall kann ein Algenmitteleinsatz auch das Zooplankton (= tierische Plankton) schädigen. In diesem kleinen Beitrag habe ich einen Blick auf eine hübsche Grünalge geworfen, die ich unlängst als kleines planktonisches Büschel - in einer Wasserpflanze hängend - entdeckte. Erst der Blick durch das Mikroskop offenbart die zierliche Schönheit dieser archaischen Vorgänger aller Land- und Wasserpflanzen.

Cladophora sp. 100 fach vergrössert

Cladophora sp. 200 fach vergrössert

Cladophora sp. 400 fach vergrössert

Cladophora sp. 1000 fach vergrössert

100x

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Im direkten Vergleich dazu eine andere beliebte Grünalge, die 'Mooskugel' Cladophora aegagropila, mit ihrer charakteristischen Verzweigung.

Die Algenfäden sind von zahllosen Einzellern besiedelt. Und selbst andere Algen (Kieselalgen) besiedeln wiederum die Grünalgen - ein ganzer Mikrokosmos an Leben, den es zu erhalten gilt und der nicht durch Algenmittel oder Fischmedikamente zerstört werden sollte. Die biologische Reinigungskraft dieser Algenbüschel ist beachtlich - Bakterien werden durch Glockentierchen und Rädertierchen aus dem Wasser oder vom Substrat gefangen und so mitgeholfen, das Wasser kristallklar und für die Fische gesund zu erhalten.

Der Grünalgenfaden wird von Einzellern und anderen Algen - hier von der Kieselage Achnanthes microcephala, besiedelt (1000x)

Der Grünalgenfaden wird von Einzellern und anderen Algen - hier von der Kieselage Achnanthes microcephala, besiedelt (1000x). A. microcephala (Kopfige Aufsitzer-Kieselalge) besiedelt oft massenhaft epiphytisch Wasserpflanzen und Algen und kommt in fast allen Gewässern (und Aquarien) vor.

Der Beitrag ist natürlich kein Pladoyer für ein 'Grünalgenaquarium' - neben der direkten schonenden Beseitigung durch algenfressende Garnelen, der Optimierung der Wasserwerte und dem Besatz mit Höheren Pflanzen soll damit von der Verwendung von Giften im Aquarium abgeraten werden. Die Mikrofauna bleibt erhalten und kann feinfiedrige Wasserpflanzen besiedeln.

Pokaltierchen Cothurina vaga

Pokaltierchen Cothurina vaga bei 1000facher Vergrösserung, an einer Grünalge angedockt und dort nach Bakterien strudelnd (siehe auch das Video dazu) Zur LeseEcke Übersicht

Rädertierchen beim Strudeln von Nahrung Rädertierchen 1000 fache Vergrösserung

Ein Rädertierchen, zwischen den Grünalgenfäden auf der Jagd nach Bakterien und anderen Einzellern. Rädertierchen in Moos- oder Algenpolstern stellen ein hervorragendes Jungfischfutter für kleine Salmler- und Bärblinge dar.

Schleiertierchen Pleuronema coronatum bei 1000facher Vergrösserung

Schleiertierchen Pleuronema coronatum bei 1000facher Vergrösserung. Die Art lebt zwischen Wasserpflanzen und Algen, wird 45 - 140 µm gross und ist im Süß- und Meerwasser beheimatet.



Glockentierchen besiedeln alle möglichen Substrate, darunter auch - wie in diesem Fall - 'unsere' Grünalge. Meistens treten die Einzeller in Kolonien oder Gruppen auf. Mit ihrem dünnen Stielchen wirken sie sehr zerbrechlich, und trotzdem sind sie - wie die Alge auch - der Strömung des Aquariums ausgesetzt und können dabei noch mit ihrem Wimpernkranz nach Nahrung strudeln.

Ein Rädertierchen hat seinen Standplatz gefunden

Ein Rädertierchen hat seinen Standplatz auf einer Grünalge gefunden und strudelt nach Kieselalgen, Bakterien und Zooflagellaten - was eben ins Maul passt. Im Bauch des Einzellers kann man gut eine gefressene bernsteinfarbene Kieselalge erkennen. Bei den beiden Algenfäden links im Bild handelt es sich um Blaualgen. Die beiden gegenläufigen Wimpernkränze strudeln die Nahrung in einer atemberaubenden Geschwindigkeit zur Mundöffnung - siehe dazu auch das Video (3,8 MB 25 Sek. .mpg) Zur LeseEcke Übersicht

Nachfolgend noch drei kleine Videos (.mpg) von Einzellern aus diesem Algenbüschel (zum Ansehen auf den Thumbnail klicken): 

Ein Glockentierchen strudelt Nahrung

Ein Rädertierchen (Rotatoria) strudelt nach Nahrung

Ein Rädertierchen (Rotatoria) strudelt inmitten von Kieselalgen nach Nahrung

Von links nach rechts:
1. Pokaltierchen Cothurnia vaga, 1000x
2. Ein Schleiertierchen Pleuronema coronatum - Einzeller dieser Gattung spreitzen während der Bewegungspausen die dicht stehenden Wimpern ab; später folgt im Film der Blick auf ein Rädertierchen im Algengewirr auf der Suche nach Nahrung.
3. Ein Rädertierchen sucht sich einen besseren Platz zwischen den Algenfäden, verfolgt vom Mikroskopobjektiv. Bemerkenswert, mit welcher Sicherheit sich das Tierchen am nächsten Algenfaden anheften kann.
4. Ein Glockentierchen auf seinem filigranen Stiel
5. Ein Rädertierchen strudelt Nahrung zur Mundöffnung
6. Ein anderer Vertreter der Rotatorien strudelt mit zwei gegenläufigen Wimpernkränzen in einem atemberaubenden Tempo Kieselalgen und Bakterien zu seiner Mundöffnung. Durchscheinend kann man eine bernsteinfarbene gefressene Kieselalge erkennen.

Verwendete Kamera:
Canon Powershot A620 7,1 Mpixel. Die Kamera wurde für die Makroaufnahme und mit dem entsprechenden Okularadapter beim Mikroskop verwendet. Auch die Videos wurden damit angefertigt (Übung macht bekanntlich den Meister - das Gerät ist noch neu und ich muss mich erst darauf einarbeiten).

Verwendetes Mikroskop: micros Modell MCX100A
micros MCX100A


© Text, Bilder: Jürgen Haberstroh. Februar 2006.

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