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Erfahrungen in der Vermehrung vom Kardinalfisch - Tanichthys albonubes (LIN SHU-YEN 1932)

Von Leo Wurzer


Weil der Kardinalfisch in der Zucht einer der leichtesten eierlegenden Aquarienfische überhaupt ist, eignet er sich besonders gut für Einsteiger ins Fachgebiet Zierfischzucht bzw. Vermehrung von Zierfischen. Der Wasserbeschaffenheit muss kein besonderes Augenmerk geschenkt werdenl, ob weich, ob hart, sie laichen überall. Wenn die Temperatur im Aquarium nach einer kühleren Hälterungsphase über 20 °C ansteigt, laichen die Kardinäle täglich ab.
Soviel als Einleitung und um grob zusammenzufassen, was landläufig geschrieben steht.
Es ist bemerkenswert, dass viele Aquarianer es langweilig finden, sich mit so einer leichten Art zu beschäftigen – andererseits findet man im selben Personenkreis Aquarianer/Innen, die ganz fasziniert und interessiert den eigenen Ausführungen zuhören – auch alte Hasen – und hinterher sagen: "Muß ich jetzt doch einmal probieren!" – als wärs ein "Back to the roots"-Erlebnis für all diejenigen, die schon alles mögliche an schwierigeren Zierfischarten nachgezüchtet haben und dabei auch so manche anspruchsvolle Aufgabe bewältigten – zum Zurücklehnen und Entspannen.

Ich hab’s so gemacht: Die Elterntiere wurden zweimal täglich ausgiebig gefüttert. Es gab auch gefrorene rote Mückenlarven, meist aber nur FD-Nahrung – sie konnten sich damit richtig den "Bauch vollschlagen", etwa über einen Zeitraum von 10 Tagen. Bei den FD-Mückenlarven haben sie teilweise etwas zu schnell geschluckt, was die Schwimmfähigkeit beeinträchtigte, weil man mit "Luft im Bauch" nicht mehr gut tauchen kann.
Die Temperatur im Hälterungsbecken wird per PC-Kühler auf 22-23 °C gehalten – weniger wäre noch besser, konnte ich aber mit einfachen Mitteln nicht bewerkstelligen. In der Übergangszeit, wenn die Heizung nicht läuft und man nachts im Aquarienzimmer das Fenster offen lassen kann, sind auch wieder niedrigere Hälterungstemperaturen möglich.

Längere Zeit vor dem Anfüttern wurde eine Plastik-Wanne mit grobem Kiesgrund (5-10 mm) ausgestattet.
Als Einrichtung kam ein Heizer hinein, 24 °C waren voreingestellt. Weiters ließ ich als Strömungsquelle einen Innenfilter ohne Filterpatrone laufen.
Einige Steine wurden verteilt, und zu jedem Stein gab ich eine ordentliche Portion Javamoos.
Als Beleuchtung dient - dem reizvollen Provisorium angemessen - eine Schreibtischlampe. Der Wasserstand im Behälter wurde bewusst niedrig gehalten, nur gut eine Handbreit hoch.
Ich hab’ noch einen Filterschwamm in der Wanne ausgedrückt und relativ viel ausgejätete Pflanzen drin schwimmen gelassen – Sinn der Maßnahme: Im Schaffel sollte sich am Boden Mulm (und in der Folge Einzeller als Startfutter für die Jungfische) bilden. Ohne Umwälzung funktioniert das leider nicht!
Die vorbereitete Laichwanne für meine Kardinalfische
Die gut gefütterten Elterntiere kamen zu fünft am Abend ins Zuchtgefäss und wurden zwei Tage und Nächte dort dringelassen – Vorher wurde eine Gießkanne voll Frischwasser nachgefüllt. Nach dem Abfischen der Zuchttiere wurde die Strömungspumpe ausgeschaltet und ein schwach perlender Ausströmer installiert. Genau nach 3+3 Tagen (3 Tage bis zum Schlupf der Eier, 3 Tage später bis zum Freischwimmen) schwammen die winzig kleinen Jungen am 11. Januar frei! Was für eine Freude!
Die ersten Jungfische - im Vergleich dazu das kariertes Papier
Weil die Jungfische so klein sind, daß sie nur an Infusorien gehen und mir das mit Heuaufguß/Wasserpflanzenaufguß oder Bananenschalenaufguß
zu unapettitlich vorgekommenwar (Ich empfand Unbehaben, eine solche Brühe zu Fischjungen dazuzuschütten) – wurde erst einmal nichts zugefüttert. Ich ging davon aus, dass im Javamoos, an den Wurzeln des schwimmenden Hornfarnes und an den Wannenwänden mehr als ausreichend Futtertierchen vorhanden waren.

Am 4. oder 5. Tag wurden Microwürmer gereicht, eine sichere Aufnahme allerdings nicht beobachtet werden. Anderen Lösungen als Startfutter wie Hafermehl oder hartgekochtes Eigelb wurden nicht ausprobiert, um das Wasser nicht unnötig zu belasten. Hingegen haben sich feinst zerriebene Cyclop Eeeze, FD-Daphnien und Futtertablettenabrieb als Erstfutter sehr gut bewährt, auch Flüssigfuttermittel werden sicherlich gerne angenommen. Bei allen Futtermitteln aber unbedingt durch das Einsetzen von Schnecken für die Beseitigung der Futterreste sorgen!

So sahen die Jungen ein paar Tage danach aus (4-5 Tage nach dem Freischwimmen):
4-5 Tage nach dem Freischwimmen der Jungfische
Die Mulmmethode ist jedenfalls eine wunderbare Sache – ich hab’ letztes Jahr schon einmal Kardinälchen gezogen, und die sind bei weitem nicht so schnell gewachsen – hab’s im 40cm-Becken auf sauberem Glasperlenboden gemacht, nur mit einer Javamoos-Portion als Infusorienquelle.
Im Alter von 9 Tagen begann die Zufütterung mit Tablettenabrieb und Cyclop Eeze –auch frisch geschlüpfte Artemia Salina Nauplien wurden gereicht, die gibt’s mittlerweile reichlich, und die Jungfische legten täglich an Größe zu:
Am Samstag nach Artemia-Futterbeginn wurde erstmals 20 % Wasser gewechselt und der Heizer ausgesteckt. Trotzdem blieb die Temperatur vorerst auf 23 °C.
Die Jungfische einige Zeit später
Das Bild oben stammt vom 31.1. – da sind sie 20 Tage (vom Zeitpunkt des Freischwimmens an gerechnet) alt, und wie man erkennt: sie wachsen und gedeihen, die Wassertemperatur beträgt mittlerweile etwa 20 °C.

Was mich freut: es ist eine Show, sie sind sehr lebendige und föhliche Jungfische. Weiters ist die Pflege der Alttiere und die Aufzucht der Jungfische wirklich einfach, es gibt und gab keine Probleme mit Krankheiten. Mit einem Teilwasserwechsel pro Woche genügt man den Ansprüchen dieser Fische vollauf. Etwas verwundert bin ich über die relative "Standorttreue" der Jungen. Das ganze Becken schwimmen sie nicht aus bzw. ein Javamoos-Dickicht wird nicht überwunden. Das muß bei der Fütterung berücksicht werden – also nicht nur die ganze Wasserfläche mit Futter ausstatten oder an einer Ecke das Futter verabreichen, sondern die Jungfische gezielt füttern.
Der Leuchtstreifen wird sichtbar
Wunderhübsch: Wenn die Fische ihren typischen Neonstreifen zeigen und wie Mini-Neons aussehen

Leider ist das "Leuchten" der irisierenden Längsstreifen nur sehr schlecht fotografisch zu erfassen.
Am schönsten sind sie, wenn die Schwanzflossen dazu noch rot ausfärben - jetzt kann man sie, wie in der älteren Literatur nachzulesen, "Arbeiterneons" nennen.
Rote Neon oder Kardinalfische?
Eine Kleinigkeit, die mir noch aufgefallen ist: Sie wachsen trotz ausgiebiger Fütterung sehr unterschiedlich. Ich kann die Fische nicht nach Größen sortieren, dazu fehlt es an Aquarien. Man sollte sich diese Mühe allerdings machen, um sicherzustellen, dass auch die langsamwüchsigeren Exemplare genügend Futter erhalten.
Außerdem ist des Pflegebecken immer noch (nur) ein 60cm-Becken – sobald es mir möglich ist, möchte ich sie in ein Aquarium mir etwas mehr Volumen übersiedeln, ein 80x35x40 oder 80x40x40 cm Becken wäre gerade richtig für diesen Schwarmfisch.

Was gibt’s noch zu sagen? Ich hoffe, ich kann mit meinem Bericht möglichst viele Nachahmer dazu animieren, sich selber einmal in der Vermehrung von Jungfischen zu versuchen – es ist ein Erlebnis, obgleich die Ausbeute mit 43 Jungfischen im Vergleich etwas mäßig war, Nachzuchten von 200 Jungen sollen keine Seltenheit sein. – angeblich soll’s Weibchen geben, die mehr als 200 Junge „hinterlassen“ – wenn das jemand schon selber erlebt hat, wäre ich um eine kurze mail/PM froh.
Wenn noch jemand den unspektakulären Kardinalfisch schön und interessant findet – all jenen sei dieser Beitrag gewidmet (bebilderte Kardinalfischzuchtberichte in deutscher Sprache sind im Netz nicht viele zu finden).

Angeblich ist die ursprüngliche Heimat der Kardinälchen ("Die Weisse-Wolken-Berge" – nödlich von Hong-Kong) nicht sehr groß und durch Industrialisierung und Staudammprojekte bedroht. Trotzdem würd’ mich interesieren, ob da jemand Näheres weiß oder gar einmal die Gegend bereisen konnte. Außerdem scheint – zumindest in Süddeutschland – die "Venusfisch" genannte Schleierform gefragter als der "Kurzflosser" zu sein. Es wäre schade um die Wildform, wenn sie im dem Trend folgend auf der Strecke bleiben würde – sie können so quietschfidel durch’s Becken tanzen, daß es sicherlich keiner Schleierflosse bedarf, um Aufmerksamkeit zu erregen.
Überhaupt scheinen die Tiere ein bischen Zirkusblut in den Adern zu führen. Wer sich getraut und eine größere Gruppe für sich alleine halten kann – oder allenfalls mit kleineren und bodenbewohnenden Arten als Gesellschaft – der wird auch nach Jahren noch staunend vor seinem Kardinalfischbecken hocken und dem wahrhaft bunten Treiben folgen können - vorausgesetzt er vermag die eher kühleren Temperaturen zu bieten, die diese Fische verlangen, 18  -22 °C ist der Bereich, der grundsätzlich geboten werden sollte. Als Gebirgsbewohner nehmen sie aber kurzzeitige Temperaturschwankungen nach oben oder unten nicht übel. Auch eine Teichhaltung bzw. Pflege im Balkonbecken im Sommer vertragen sie nicht nur gut, sondern quittieren das durch besonders prächtige Färbung.
Abgesehen von der Temperatur sind sie so pflegeleicht, wie Aquarienfische nur sein können. Fressen alles, kommen mit nahezu jedem Wasser zurecht – sind auch nicht sonderlich empfindlich und sie leben länger, als mancher glaubt. 6-7 Jahre sind bei guter Pflege ohne Probleme erreichbar – ich bin sicher, dass man da noch ein paar Jährchen anhängen kann.

Zwei verwandte Arten seien noch erwähnt: Der im Mergus Aquarienatlas Bd. III auf S. 222 vorgestellte "Chinesische Lampionfisch" Aphyocypris lini (Weitzmann & Chan 1966) – weil er als Beifang bei T. albonubes aufgetaucht und mit ihm verwechselt wurde und aus der selben Gegend stammt.
Dann gibt es noch den "Vietnamesischen Kardinalfisch" Tanichthys micagemmae (Freihof & Herder 2001) – einen recht "jungen" Vertreter der Gattung und noch dazu mit 2 cm Körperlänge ein echter Fischzwerg – stammt, wenn meine Informationen richtig sind, ebenfalls aus Vietnam.
Allerdings darf man die 2 cm Endgröße nicht ernst nehmen – Alexander Dorn von
www.nothobranchius.de
besitzt diese Art und hat mir unlängst mündlich mitgeteilt, dass die Vietnamesen genauso groß würden wie die echten T. albunubes.

Literatur: Riehl/Baensch – Mergus Aquarienatlas Bd. I & III
Pinter – Handbuch der Aquarienfischzucht
Meyer – Lexikon Süßwasser Aquarienfische

Besonderer Dank gilt dem Haberstroh Jürgen und einem unbekannten Aquarianer aus Birgitz, die beide stark dazu beigetragen haben, daß mich der "Züchtervirus" getroffen hat und ich die Schneid bekam, es wirklich einmal selber zu probieren.
Die Idee vom "vermulmten Becken" hab ich den Labyrinthern abgekupfert, die stehen z.T. auch vor dem Problem, dass die Jungfische sehr, sehr klein sind – und lösen es in gleicher Weise, nur mit höherer Temperatur.


© Text, Bilder: Leo Wurzer

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