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Laichstimulation bei Aquariumfischen

Von Jürgen Haberstroh


Um Aquariumfische zu vermehren, genügt es in den meisten Fällen, den Fischen Hälterungsbedingungen mit Wasserverhältnissen ähnlich wie in ihrem ursprünglichen Verbreitungsgebiet zu bieten. Wenn man die Tiere, die zur Zucht angesetzt werden, gut mit Lebendfutter anfüttert und mit Sicherheit Tiere beiderlei Geschlechts zur Verfügung hat, sollten sich die meisten Zierfischarten nachzüchten lassen. Der Zuchtansatz selber kann dann paarweise oder im Schwarm in einem extra hergerichteten Zuchtbecken oder im Hälterungsaquarium (Daueransatz) erfolgen.
Manchmal treten trotzdem Schwierigkeiten bei der Vermehrung auf - die Tiere wollen oder können scheinbar nicht die Laichraife erreichen, bzw. es fehlt der entscheidende Reiz, um die Abgabe der Geschlechtsprodukte zu provozieren.
Nun genügt bei Panzerwelsen schon ein umfangreicherer Teilwasserwechsel bzw. eine Serie, z.B. drei mal im Abstand von 24 Stunden, mit kühlerem Wechselwasser, um das Paarungsgeschehen einzuleiten. Es kann auch hilfreich sein, den Heizer für einen Halben Tag ausgesteckt zu lassen und nur einen Teilwasserwechsel durchzuführen, z.B. mit Osmosewasser oder vollentsalztem Wasser, wenn man nicht genügend Zuchtwasser zur Verfügung hat. Man simuliert damit mehr schlecht als recht, aber doch wirksam, einen ordentlichen Regenschauer mit verbundener Reduzierung des Leitwertes (Gesamtsalzgehalt des Wassers) und der Abkühlung des Wassers durch die eingetragenen Niederschläge.

Neben der Verringerung der Wassertemperatur darf natürlich auch eine Erhöhung der Wassertemperatur als Folge der Jahreszeiten als wesentlicher Anreiz bei vielen Arten, mit dem Laichgeschäft zu beginnen, nicht vergessen werden. Es würde wohl keinen Sinn machen, Discusfische oder Rote Neons mit Kaltwasserschüben zu stimulieren, eher wären gegenteilige Effekte zu erwarten.

Wenn man mit der Stimulation mittels 'Kaltwasserwechseln' oder Temperaturerhöhung nicht erfolgreich ist, kann man noch das Einwirken anderer Faktoren überlegen, um die Laichbereitschaft der Fische zu stimulieren oder zu beschleunigen:

Die Verringerung der Leitfähigkeit im Zuchtwasser.
Erreichen kann man das durch Verwendung von Regenwasser, Osmosewasser, destilliertem oder vollentsalztem Wasser. Simuliert wird damit die Verringerung des Salzgehaltes im natürlichen Biotop durch die Regenfälle. Im Gegenteil davon könnte bei Arten aus extrem weichen Quell-Biotopen eine Erhöhung der Leitfähigkeit erfolgversprechend sein, wenn damit der Eintrag von Mineralien aus dem Überschwemmungsgebiet simuliert werden kann.

Eintrag von Huminstoffen
Der (zusätzliche) Eintrag von Huminsäuren in Form von Torf oder Erlenzäpfchen. Simuliert wird damit der Eintrag von Säuren und Gerbstoffen aus Blättern und Moosen durch die Überschwemmung von Landgebieten in der Regenzeit. Man könnte auch eine Laubschicht aus Buchenblättern im Becken einbringen, was ästhetisch auch ganz vorteilhaft aussieht. Die Methode funktioniert unabhängig davon, ob die Art aus einem Klarwasserfluss oder einem teefarbenen Gewässer (Rio Negro) stammt. Die ansäuernde Wirkung des Torfes kommt erst im Weichwasser richtig zur Geltung. Möchte man den pH-Wert auf einem bestimmten Wert halten, kann der Einsatz von Erlenzäpfchen recht hilfreich sein, die kaum ansäuernd in Erscheinung treten - aber auch hier scheinen unterschiedliche Ergebnisse möglich zu sein, je nach dem, wie lange die Zäpfchen schon Wind und Wetter ausgesetzt waren. Im mittelharten Wasser bekommt man mit 5 Stk. Erlenzäpfchen pro 12 Liter ein schönes 'Schwarzwasser' zustande, ohne Trübungen oder Schwebstoffe und ohne Gefahr, unbeabsichtigt Nitrate oder Phosphate mit dem Torf einzubringen.

Veränderung des pH-Wertes
Während sich übers Jahr 'in der Natur' (gemeint sind z.B. Urwaldbäche mit Fallaubeintrag) die pH-Werte nur unwesentlich ändern, kommt es in der Regenzeit zu einer Verringerung des Wertes, v.a. wenn Gerbsäuren aus den überschwemmten Laubschichten im Zusammenspiel mit den Niederschlägen den pH-Wert beeinflussen. Die Methode (und einige andere auch) kann hilfreich sein, wenn 'harmlosere' Massnahmen nicht zum Erfolg geführt haben; tatsächlich müsste man ziemlich genaue dokumentierte Messwerte des Biotops zur Verfügung haben (die zu bekommen ist ziemlich aussichtslos), um die Lebensbedingungen für die Fische nicht gravierend zu verschlechtern. Die Absenkung des pH-Wertes in extreme (niedrige) Bereiche ist meist nur bei Wildfangtieren oder Nachzuchten in den ersten Generationen erforderlich.

Erhöhung des Futterangebotes (Lebendfutter).
Simuliert wird damit das reichhaltigere Nahrungsangebot nach Überschwemmung der Landgebiete in der Regenzeit (Mückenlarven, Wurmfutter). Zwei Wochen im Futter kurzgehaltene Corydoras (zumindest die 'einfacheren' Arten) reagieren auf 'unterlassene' Wasserwechsel über einen mehrmonatigen Zeitraum und nachfolgend mehrere kühlere Teilwasser-Wechsel und üppigem Nahrungsangebot fast immer mit Laichansatz und anschliessendem Ablaichen. Sehr gut geeignete Methode für fast alle Welse. Dabei ungefähr die natürlichen Rhythmen der Natur nachahmen und nicht eine Regenzeit simulieren, wenn tatsächlich im Amazonasgebiet gerade Trockenzeit herrscht. Viele Fischarten haben - auch bei langjähriger Nachzucht - diese Rhythmen beibehalten, und es könnte den Nachzuchterfolg für ein Jahr oder länger zunichte machen, wenn man die Fische entgegen dem Lauf der Natur starken Stimulationen aussetzt (Einmallaicher).

Der richtige Zeitpunkt
Alles richtig gemacht - trotzdem keine Nachzucht? Vielleicht das nächste mal mit den Zuchtvorbereitungen auf das Eintreffen eines grösseren Tiefdruckgebietes warten. Die Simulation unterschiedlicher Drücke ist ansonsten im Aquarium kaum möglich, eine Schlechtwetterfront liefert sie gratis.
Die Auswahl der Zuchttiere bei Salmlern oder Barben kann entscheidend sein - immer das Verhalten Tiere im Aquarium beobachten. Balzende Männchen und auserkorene Weibchen zum Ansatz verwenden und nicht auf 'Gut Glück' Männchen und Weibchen aus dem Schwarm fangen. Was hilfts, wenn die beiden nicht zusammenpassen und harmonieren oder das Weibchen bereits am Vortag mit einem Männchen abgelaicht hat und keinen Eivorrat mehr aufweist?

Nicht zu alte Tiere zur Zucht verwenden - grosse, dicke Salmlerweibchen weisen oft überlagerte Eiansammlungen im Bauchraum auf, die ausser unbefruchteten Eiern kein Ergebnis bringen. Am besten eignen sich eben erst geschlechtsreif gewordene Weibchen und 'drahtige' (nicht dürre!) Männchen.
Nur gesunde, gut konditionierte, ausreichend ernährte und eingewöhnte Tiere zur Zucht ansetzen. Wer sich von seinen Neukauf im Zoo-Fachgeschäft gleich zuhause zur Zucht ansetzt, kann keinen Nachzuchterfolg erwarten. Zudem kann sich das kräfteraubende Ablaichen bei geschwächten Tieren negativ auf die Zierfischgesundheit auswirken.
Das Einsetzen der Zuchtfische ins vorbereitete Becken am Abend bringt oft überraschende Ergebnisse am Morgen - viele Arten laichen in den frühen Morgenstunden ab. Dabei kann man in alten Zuchtbüchern oft den Tipp von der 'Morgensonne, die ins Becken fällt' lesen. Probiers aus, bei vielen Salmlern und Bärblingen kann sich dieses Detail als wichtig erweisen.
In der Reihenfolge des Einsetzens sollte man Schwarmfische zusammen ins Zuchtbecken einsetzen. Territoriale Arten wie z.B. Labyrinthfische kann man so ansetzen, dass man erst das Weibchen einsetzt und ihm die Erkundung des Beckens ermöglicht, und erst am nächsten Tag das Männchen dazusetzt.
Rhythmus-Laicher laichen, wenn sie erfolgreich stimuliert wurden oder von selbst mit dem Laichgeschäft begonnen haben, in Abständen von mehreren Tagen oder Wochen regelmässig ab. Typischer Vertreter ist der Metallpanzerwels. Oft genügt es nach mehreren Laichgängen, einen grösseren Teilwasserwechsel einzuschieben, damit die Zuchttiere mit dem Ablaichen fortsetzen.
 
Absenken des Wasserspiegels
Für alle Labyrinthfische geeignete Methode, wobei ich mit einem Wasserstand 3x Körperlänge des Fisches gute Erfahrungen machte.

Einbringen geeigneter Ablaichmaterialien
Auch daran kanns scheitern, wenn nicht abgelaicht wird. Schwimmpflanzen, Javamoos, Torf, Wasserpest oder Haarnixen für Salmler und Barben, Torf oder Wollmop für Killifische, umgestülpte kleine Blumentöpfe, Kokosnusschalen, Wurzeln oder Buchenblätter für Zwergbuntbarsche oder die Welshöhle mit dem richtigen Durchmesser für Harnsichwelse,

Erhöhung des Wasserstandes im Aquarium
Simuliert wird auch damit der höhere Wasserstand im Amazonas bzw. seinen Zuläufen. Ist im Aquarium allerdings schwierig umzusetzen, man müsste schon gezielt in einem 60+ cm hohen Becken den Wasserstand bei der Hälfte über einen längeren Zeitraum belassen und dann - am besten in Kombination mit anderen Massnahmen - den Wasserstand erhöhen. Auch eine Forcierung der Pumpenleistung kann bei strömungsliebenden Fischarten ein Anreiz zur Laichbildung sein - mehr Wasser im Flussbett oder Urwaldbach, mehr Strömung. Dazu muss allerdings vorher über einen längeren Zeitraum die Pumpenleistung im Aquarium ein reduzieren oder eine zusätzliche Pumpe zuschalten.

Einbringen von Schwebstoffen ins Becken
z.B. in Form von Lehm, Ton oder Laterit. Simuliert wird dadurch die Erosion des Urwaldbodens durch die Regenfälle oder der Abtrag von Humus durch das Fliessgewässer. Es funktioniert auch, wenn man den Filterschwamm mal ausnahmsweise im Becken selber auswäscht. Die entstehende 'Sauerei' schadet den Fischen nicht, und die Schwebstoffe und Mulmpartikel sind schon am 3. Tag wieder im Filter verschwunden. Bei Lehm und Laterit kann das schon einige Wochen dauern, bis die Trübung, die bei (im Kies) gesetzten Lehmpartikeln ja durch die Wühlarbeit der Fische prolongiert wird, verschwindet.

Simulation von Regen
Etwas schwierig umzusetzen, aber ein nicht unwichtiges Detail, um beim Fisch alle Sinne anzusprechen (Seitenlinienorgan reagiert auf Druckwellen der Regentropfen). Auch wenns phantastisch klingt, ist es nicht weit hergeholt - und im Zusammenspiel mit den anderen Massnahmen eine zusätzliche (logische) Ergänzung. Simulieren kann mans im Aquarium mit einer Beregnungsanlage, wie man sie für Terrarien verwendet. Es sollte aber auch genügen, wenn man den Filterauslauf so einstellt, dass das Wasser ordentlich auf die Wasseroberfläche plätschern kann.

Simulation einer Trockenzeit
Auch die Simulation einer Trockenzeit lässt sich gut durchführen. Im Prinzip müsste man für einige Zeit den Wasserwechsel ausfallen lassen und für eine langsame Erhöhung des Leitwertes, z.B. durch reines Nachfüllen des verdunsteten Wassers im Aquarium, sorgen.
Wenn dann auch die Fütterung eingeschränkt wird, kann man damit das geringere Nahrungsangebot in der Natur simulieren: die Fische müssen in den Gewässern mit geringerem Wasserstand 'zusammenrücken'. Die Schwierigkeit besteht dann darin, nicht gleichzeitig auch einen unerwünschten Anstieg von Phosphat und Nitrat zuzulassen. Diese Methode verlangt einiges Fingerspitzengefühl und Erfahrung, könnte aber bei vielen schwer züchtbaren Arten zum Erfolg führen, zumal wenn man dann in der Folge eine Regenzeit simuliert.

Reduzierung der Beleuchtungsdauer
Die Reduzierung der Beleuchtungsdauer entsprechend der Tageslänge hat bei Tropenfischen kaum Bedeutung - die Zeitunterschiede sind zu gering. Bei einheimischen Kaltwasserfischen kann diese Methode durchaus erfolgversprechend sein. Evers (1994) berichtet von der Bedeutung der 'Beschattung' des Zuchtaquariums auch am Tage. Mit dieser Methode soll es möglich sein, schwer nachzuziehende Arten wie Corydoras leopardus oder C. eques tagsüber im simulierten baumbeschatteten Gewässerteil beim Ablaichen zu beobachten. Die Arten verlegen ansonsten ihre Laichaktivitäten in die Nachtstunden und haben möglicherweise bis zum Morgen die Eier bereits wieder aufgefressen.

Konstante Bedingungen
Arten, die keinem Wechsel von Regenzeiten ausgesetzt sind, bedürfen auch keiner gravierender Änderungen, gleichbleibende Pflegebedingungen sind hier förderlicher als extreme Schwankungen der Temperatur oder der Wasserwerte. Obwohl das tägliche 'Einerlei' gleichmässiger Pflegebedingungen den Zuchterfolg ausbleiben lassen kann, so gelingen doch auch unter diesen konstanten Verhältnissen immer wieder Nachzuchterfolge, vor allem im Daueransatz. Im Prinzp entspricht die Nachzucht unter konstanten Bedingungen der 'normalen' Haltung im Aquarium, und das Ablaichen kann durch eine Änderung des Wasserwechselintervalles oder der Wechselmenge ausgelöst werden. Einfach gesagt: nichts getan, trotzdem Jungfischsegen. So einfach kann Fischzucht sein.

Erwähnenswert scheint mir, dass immer mehrere Faktoren gleichzeitig und schlagartig (= über mehrere Tage) zu den gewohnten Hälterungsbedingungen verändert werden müssen, um die Fische zu stimulieren und eine Art 'Aufbruchsstimmung' ins Becken zu bringen. Also: Mehrere Wasserwechsel mit kühlerem Wasser + Erhöhung des Futterangebotes über das gewohnte Mass (so die Fische nicht schon überfüttert und verfettet sind) + Veränderungen im Leitwert (Salzgehalt). Alle weiteren zusätzlichen Methoden können das Tüpfelchen auf dem i sein. Ebenso die (absichtlich) nicht angeführte Simulation von Gewittern mittels Disco-Lämpchen oder tiefen Basstönen aus der Stereo-Anlage - unnötiger Schnickschnack, jedes natürliche aufziehende Gewitter stimuliert da mit Veränderung des Luftdrucks besser. Es könnte sich allerdings auszahlen, mit den Vorbereitungen der Stimulations-Massnahmen im Aquarium auf ein grösseres Tiefdruckgebiet zu warten.

Die Bemühungen können bei Wildfangtieren und Nachzuchten unabhängig von der herrschenden Jahreszeit im Ursprungsbiotop durchgeführt werden, es ist aber kein Fehler, sich an die natürlichen Rhythmen im Ursprungsland zu halten, schon aus dem Grund, um eine mögliche Fehlerquelle (und man grübelt ohnedies über alles mögliche nach, wenns nicht klappt) auszuschliessen. 
Interessanterweise klappts mit dem Züchten von Aquarienfischen im Herbst/Winter mit abnehmender Tageslänge besser als im Sommer, obwohl die Tageslänge in den Tropen fast immer gleich ist. Verantwortlich dafür sind vermutlich die höheren Temperaturen im Sommer im Aquarium mit der nachfolgenden 'Abkühlung'. Aber vielleicht beschäftigt man sich nach den Vorzügen des Sommers auch einfach wieder öfter mit dem Becken und hat wieder mehr Zeit zum Wasserwechseln.

Die Methoden 'funktionieren' bei fast allen Weichwasser-Zierfischarten aus Südamerika und Asien. Bei afrikanischen Seenbarschen genügt normalerweise ein umfangreicherer Teilwasserwechsel (doppelte Menge als üblich) mit einer Absenkung um 3-4 °C, um Frühlingsfieber ausbrechen zu lassen. Grundvoraussetzung für alle gravierenden Änderungen an Ernährung, Wasserchemie und Physik: die Fische MÜSSEN optimal konditioniert (Futter, Vitamine) und fit (eingewöhnt) sein und dürfen keinen weiteren Stressfaktoren, wie z.B. Überbesatz, ausgesetzt sein. Bei allen Methoden sind die ursprünglichen Lebensbedingungen der Fische im jeweiligen Biotop zu berücksichtigen. Es hilft wenig und schadet viel, wenn man bestimmten Fischgruppen einen kalten 'Schwall' verabreicht, wenn sie zur Laichstimulation höhere Wassertemperaturen (Discusfische, Labyrinthfische etc.) benötigen würden oder auf zu umfangreiche (kühle) Frischwassergaben mit Schockzuständen (Rotkopfsalmler, Rote Neon) und nachfolgenden Stresserkrankungen reagieren.


© Text: Jürgen Haberstroh

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