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Hämoglobinführende Oligochaeten - Wasserlebende Regenwürmer

Von Werner Klotz


Der Schlammröhrenwurm Tubifex tubifex dürfte wohl jedem Aquarianer ein Begriff sein. Die rötlichen, in verschlungenen Wurmknäueln als Lebendfutter angebotenen Tiere gehören seit Jahrzehnten zum Standardlebendfutter vieler Fischhalter. Wenn immer in einem Aquarium rötlich gefärbte Würmer auftauchen, wird deshalb aus gutem Grund angenommen, es würde sich um Tubifex handeln. Der Wissenschaft sind neben Tubifex tubifex aber eine Vielzahl von anderen durch den Blutfarbstoff Hämoglobin rötlich gefärbten Wurmarten bekannt. Allein in stehenden Gewässern Mitteleuropas wurden 1966 mindestens 31 Arten aus den 6 Familien: Naididae, Tubificidae, Enchytraeidae, Lumbriculidae, Phreorycidae und Lumbricidae beschrieben. Die Körperlänge europäischer Arten reicht von Winzlingen mit nur 5mm Länge bis zu 10 oder 15 cm langen Arten. Grund genug, um sich die so oft oberflächlich als "Tubifex" bezeichneten Würmer näher anzusehen.

Kennzeichen, Körperbau und Vermehrung
Der Körper der Oligochaeten ist ein 7 bis 600 fast gleichartige ringförmige Segmente gegliedert (Ringelwürmer), die mehrere, oft charakteristisch geformte (einfache, gegabelte, gefiederte oder bürstenförmige) Borsten tragen. Diese Borsten dienen neben den peristaltischen Muskelbewegungen der Fortbewegung der Tiere. Jedes Körpersegment der Ringelwürmer enthält die gleiche "Grundausstattung" an lebenswichtigen Organen: Muskelfasern, ein einfaches Nervensystem, Blutgefäße und Ausscheidungsorgane. Nur der schlauchartige Darmkanal durchzieht ungegliedert den ganzen Körper der Tiere und die Geschlechtsorgane dieser Tiere liegen in wenigen Segmenten im Vorderteil des Körpers. Am Vorderende des Wurmes befindet sich ein "nasenartiger" Kopflappen, dessen Ausformung wie die Lage der Geschlechtsöffnungen wichtige Bestimmungsmerkmale liefern kann. Geschlechtsreife Tiere sind an einer charakteristischen, gürtelartigen Körperverdickung im vorderen Körperdrittel zu erkennen, dem Clitellum. Jungen und halbwüchsigen Tieren fehlt dieses Merkmal. Im Inneren des Clitellums findet die Eiproduktion statt. Fertig entwickelte Eier werden als Kokons ausgegeben, aus denen winzige, junge Würmchen schlüpfen. Bei einigen Arten kommt es durch Abschnürung und Querteilung auch zu einer ungeschlechtlichen Vermehrung.

Lebensweise
Anders als landbewohnende Regenwürmer, welche sich grabend durchs Erdreich bewegen, leben viele wasserbewohnende Arten stationär in selbst gegrabenen und mit Körpersekreten befestigten Röhren oder schlängeln sich frei durch Wasserpflanzen und Ansammlungen von organischem Abbaumaterial wie versunkenem Falllaub, Totholz oder Schlamm unterschiedlicher Zusammensetzung. Die meisten wasserbewohnenden Oligochaeten sind dünn und durchsichtig, damit sie von potentiellen Fressfeinden nicht so leicht gesehen werden. Die hier behandelten Arten sind durch den roten Blutfarbstoff Hämoglobin rötlich bis rotbräunlich gefärbt. Durch die hohe Affinität des Hämoglobins Sauerstoff zu binden sind diese Arten in der Lage, in Gewässern mit sehr niedrigen Sauerstoffkonzentrationen zu überleben, in denen sie wenig Konkurrenz durch andere Arten befürchten müssen.

Systematik
Stamm Annelida - Ringelwürmer
Klasse Clithellata - Gürtelwürmer
Ordnung Oligoacheta - Wenigborster

Wichtige Vertreter unterschiedlicher Familien
Familie Tubificidae - Schlammröhrenwürmer
Im Allgemeinen werden diese Arten oft als "Tubifex" in einem Topf geworfen, obwohl sich in dieser Familie mehrere Gattungen mit jeweils mehreren Arten befinden. Der mengenmäßig aber weitaus häufigste Schlammröhrenwurm ist aber sicher Tubifex tubifex. Die bekannte Art wird 30-40 mm lang, bleibt unter einem Millimeter dick und zeigt eine kräftig rote Körperfärbung. Tubifex lebt in selbstgegrabenen Röhren in schlammigen Bodengrund aus denen die Tiere das Hinterende zur Aufnahme von Sauerstoff hervorstrecken. Durch schlängelnde Bewegungen wird die Aufnahme dieses lebensnotwendigen Gases verstärkt. Wie andere Arten auch erfolgt die Aufnahme nicht über die gesamte Körperoberfläche, sondern verstärkt durch den Enddarm am hinteren Körperende. Tubifex tubifex ist bekannt dafür, speziell in stark organisch belasteten Gewässern Massenbestände zu bilden, weshalb eine Verfütterung dieser Würmchen nur in Maßen erfolgen sollte. Von den anderen Arten der Familie ist Tubifex tubifex nur durch eine mikroskopische Untersuchung der männlichen Geschlechtsausgänge und der Rückenborsten zu unterscheiden, deshalb ist eine sichere Bestimmung durch den Laien praktisch unmöglich.

Familie Lumbriculidae - Regenwürmer
Die Familie der Regenwürmer ist wohl jedem vom Komposthaufen hinter dem Haus oder von einem Spatziergang nach einem kräftigen Regenguss bekannt. Die Tiere flüchten bei Regen aus ihren unterirdischen Gängen um nicht zu ersticken. Es gibt aber auch Arten dieser Familie, die dauerhaft unter Wasser leben. Diese Tiere stammen aus zwei Gattungen: Eiseniella aud Allobophora. Die Gattung Eiseniella umfasst nur eine, dafür weit verbreitete Art. E. tetraedra. Wie der wissenschaftliche Name tetraedra vermuten lässt, hat der Wurm etwas mit der geometrischen Form des Tetraeders zu tun. Die Hinterhälfte des Tieres ist im Querschnitt deutlich vierkantig und nicht rund wie andere Arten. Durch dieses Merkmal ist E. tetraedra auch ohne Mikroskop leicht zu erkennen. E. tetraedra wird zwischen 30 und 80 mm lang , 2-4 mm dick und besteht aus etwa 90 Körpersegmenten, ähnelt also auf den ersten Blick einem landlebenden Kompostwurm.

Familie Lumbriculidae - Regenwürmchen
Zu dieser Familie gehören ebenfalls 2 Gattungen, Lumbriculus und Stylodrillus. Makroskopisch sind die Arten dieser Familie jenen der Familie Lumbriculidae sehr ähnlicher, sie bleiben aber etwas kleiner und schlanker. Der wohl bekannteste wasserlebende Vertreter ist die weltweit verbreitete Art Lumbriculus variegatus. Diese Wurmart wird etwa 40-80 mm lang und 1-1,5 mm dick. Geschlechtsreife Exemplare bestehen aus 140-200 Segmenten. Die häufig im flachen Wasser lebenden Tiere zeigen zwei charakteristische Verhaltensweisen. Werden die Tiere gestört schwimmen sie mit eigenartigen Wellenbewegungen durchs freie Wasser. In Ruhe kann man die Tiere dagegen beobachten wie sie vor allem in sauerstoffarmen Wasser das Hinterende im Rechten Winkel abgewinkelt dicht unter die Wasseroberfläche halten. Da die Tiere mit dem Hinterende des Körpers "atmen" erleichtert dies die lebensnotwendige Aufnahme von Sauerstoff.

Lumbriculus variegatus hält das Hinterende zur besseren Sauerstoffaufnahme unter die Wasseroberfläche
L. variegatus streckt zur besseren Sauerstoffaufnahme das Hinterende unter die Wasseroberfläche

In manchen Ländern wird L. variegatus in kommerziellen Wurmfarmen als Lebendfutter oder Angelköder gezüchtet. Interessanterweise erreichen diese gezüchteten Tiere nie die Geschlechtsreife, sondern pflanzen sich durch Abschnürung fort.

Die "Dennerle-Würmer"

Lumbriculus variegatus im Pflanzendickicht

Lumbriculus variegatus im Pflanzendickicht
Fotos 1 und 2: "Dennerle-Würmer" im Pflanzendickicht

Mit einer Pflanzensendung der Wasserpflanzengärtnerei Dennerle erreichten im Frühjahr 2005 zwei etwa 3-5 cm lange, an Regenwürmer oder überdimensionale Tubifex erinnernde Würmer die Tierhandlung Katts & Co in Innsbruck. Der Inhaber Jürgen Haberstroh übergab mir die Tiere mit der Bitte um einen Bestimmungsversuch. Trotz längerer Haltung in einem Miniaquarium bildeten die zwei Würmer kein Clitellum aus, erreichten also keine Geschlechtsreife. Deshalb war eine exakte Bestimmung der Tiere auf Artniveau kaum möglich. Die Tiere wiesen 78 bzw. 127 Körpersegmente auf und waren etwa 40 und 60 mm lang. Im Miniaquarium konnte ich mehrmals beobachten, wie die Tiere auf einem Javamoospolster sitzend das hintere Körperdrittel waagrecht unter die Wasseroberfläche hielten. Zusammen mit der Beobachtung, dass die Tiere über lange Zeit keine Anzeichen einer Geschlechtsreife erkennen ließen, denke ich, dass es sich um Tiere einer ungeschlechtlichen Population von Lumbriculus variegatus handeln dürfte, die im feucht(nass)warmen Klima der Wasserpflanzengärtnerei optimale Bedingungen gefunden haben.

Nahaufnahme eines "Dennerle-Wurmes" Lumbriculus variegatus, die Ringelung des Körpers und der Darmkanal ist gut zu erkennen
Foto 3: Nahaufnahme eines "Dennerle-Wurmes", die Ringelung des Körpers und der Darmkanal ist gut zu erkennen

Nahaufnahme des Kopfbereiches von Lumbriculus variegatus mit dem rüsselförmigen Kopflappen
Foto 4: Nahaufnahme des Kopfbereiches mit dem rüsselförmigen Kopflappen

Einer der Lumbriculus variegatus Würmer auf einem an die Wasseroberfläche ragenden Algenposter
Foto 5: Einer der Würmer auf einem an die Wasseroberfläche ragenden Algenposter

Abschließend soll bemerkt werden, dass hämoglobinführende Oligochaeten, welche gelegentlich im Aquarium auftauchen keinerlei Gefahr für andere Beckenbewohner darstellen. Von den meisten Fisch- und Garnelenarten werden sie als willkommene Abwechslung auf dem Speiseplan angesehen. Nicht gefressene Würmer durchpflügen den Bodengrund und tragen so zur Abfallbeseitigung von überschüssigem Futter und abgestorbenem Pflanzenmaterial bei.

Literatur:
Wachs, B., 1966
Die häufigsten hämoglobinführenden Oligochaeten der mitteleuropäischen Binnengewässer
Brinkhurst, R.O., Jamieson, B.M., 1971
Aquatic Oligochaeta of the world
Oliver & Boyd Verlag, Edinburgh
Streble, H., Krauter, D., 2002
Kosmos Naturführer * Das Leben im Wassertropfen
Kosmos Verlag, Stuttgart
Thompson, G., Coldrey, J. and Bernard, G., 1986
Der Teich
Kosmos Verlag, Stuttgart

© Text, Bilder: Werner Klotz

Anmerkung: Nach einem erfrischenden Mail-Kontakt mit Bernd Kaufmann von Dennerle können wir (auf vorsorgliche Anfrage) 'bis auf Widerruf' die Bezeichnung 'Dennerle-Würmer' in Verbindung mit L. variegatus im Forum verwenden. Danke an die Firma Dennerle ;)
J. Haberstroh

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