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Spektakuläre Besamungstechniken bei Panzerwelsen

Hartmut Greven


Daß auch Fische, die dem Aquarianer seit langem bekannt sind und die schon seit Generationen erfolgreich nachgezüchtet werden, noch aufsehenerregende Überraschungen bereithalten, zeigt eine Anfang dieses Jahres von einer japanischen Arbeitsgruppe - nicht in der Aprilnummer - publizierte "rapid communication" (die Autoren hatten es eilig, rasch damit auf den Markt zu kommen) mit dem spektakulären Titel "Sperm drinking by female cat-fishes: a novel mode of insemination".

Das Ergebnis in Kürze: Die Weibchen von Corydoras aeneus bringen während der Paarung in der jedem Welszüchter bekannten T-Stellung ihr Maul an die Geschlechtsöffnung des Männchens und trinken die abgegebenen Spermien. Die passieren den Darm und werden mit den Eiern zusammen in die von den Bauchflossen gebildete Tasche gegeben. Damit wird offenbar eine effektivere Besamung bzw. Befruchtung erzielt, da diese Tasche mehr oder weniger geschlossen ist. Diese kurze Zusammenfassung wird allerdings nicht der Bedeutung dieses mit denkbar einfachen Mitteln erhobenen Befundes gerecht.

Am Anfang stand eine genaue, auch statistisch abgesicherte Analyse des Fortpflanzungsverhaltens in 40-Liter-Aquarien. die mit jeweils einem Weibchen und zwei Männchen besetzt waren.
Die T-Position, in der das Weibchen mit dem Maul die Genitalregion berührt und in der das Männchen die Spermien abgibt, dauert durchschnittlich 5,9 Sekunden. Bei diesem Vorgang verschließt das Weibchen fest die Kiemendeckel und formt mit seinen Bauchflossen eine Tasche, in die es etwa 30 Eier abgibt. Nach einer kurzen Ruhezeit auf dem Boden klebt es die Eier an die Wand des Aquariums. Dieser Vorgang wiederholt sich (auch mit einem anderen Männchen) bis zu 17mal.

Die Experimente, die letztendlich zu dem Ergebnis führten, daß die Weibchen die Spermien trinken, sind von jedermann nachzuvollziehen:

1. Nahm ein albinotisches Weibchen mit einem albinotischen Männchen die T-Stellung ein - Albinismus ist bei Corydoras ein rezessives Merkmal -, war der gesamte Nachwuchs aus einem Paarungsvorgang albinotisch; war der Partner ein normal gefärbtes Männchen, zeigte auch der Nachwuchs Normalfärbung. Die Spermien sind also nicht nach dem Ablaichen irgendwie im Aquarium verteilt.

2. 15 Sekunden nach Abgabe in die Flossentasche waren etwa 25 Prozent der Eier, später jedoch höhere Prozentsätze, befruchtet (die Eier wurden zu verschiedenen Zeiten entnommen und separat aufgezogen). Die Befruchtungsrate der Eier unmittelbar vor und nach dem Festkleben war vergleichbar hoch. Das zeigt, daß die Eier in der Tasche besamt und befruchtet werden, während das Weibchen auf dem Boden ruht.

3. Brachte man einem Weibchen in der T-Stellung mit einer Pipette einen kleinen Tropfen einer Methylenblaulösung - ein Vitalfarbstoff - vor das Maul, erschien der Farbstoff etwa 4,2 Sekunden später am After; er wurde von dort in die Flossentasche geleitet. Der Farbstoff gelangte nicht entlang des Körpers zum Anus, zumal während dieser Zeit die Kiemendeckel fest verschlossen waren (siehe oben). Ein bis zwei Sekunden später wurden die Eier abgelegt.

Wenn auch völlig unklar ist, wie die Spermien die zwar nur kurze Passage durch den Darm überstehen - daß sie das schaffen, ist offensichtlich -, nennen die Autoren einige Vorbedingungen bzw. Praeadaptationen für diese wohl einzigartige Form der Besamung: kurzer Darm, Lage der Bauchflossen neben dem After, häufiges Verschlucken von Luft (zur Darmatmung). Diese Besonderheiten und die T-Stellung bei der Fortpflanzung sind nicht nur auf die Gattung Corydoras beschränkt.

Hartmut Greven

Literatur
Kohda, M., M. Tanimura, M. Kikue-Nakamura & S. Yamagishi (1995): Sperm drinking by female catfishes: a novel mode of insemination. Envir. Biol. Fish. 42: l-6.


© Text, Bilder:Beitrag aus der DATZ 8/1995, S. 480-481, mit freundlicher Genehmigung des Autors, der Datz und des Ulmer-Verlages

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