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[Im Gespräch]: Werner Klotz
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Jürgen
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BeitragBeitrag #1 vom 28.09.2004 - 13:52  Titel: Idee [Im Gespräch]: Werner Klotz

Hallo,

als kleine Präambel noch mal der Hinweis auf die Ankündigung, wie das interviewähnliche Gespräch ablaufen sollte. Stellt bitte vernünftige Fragen (oder mehrere), die auch eine ausführlichere Antwort bedingen können.

Die Fragen sollten immer auch einen Bezug zum Gesprächspartner herstellen.

Grüsse,
Jürgen


Zuletzt bearbeitet von Jürgen am 04.10.2004 - 14:00, insgesamt 1-mal bearbeitet



Jürgen
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BeitragBeitrag #2 vom 28.09.2004 - 13:55  Titel:  

Werner,

du hast dich voll und ganz den Garnelen verschrieben. In Mitteleuropa bist du einer der wenigen Spezialisten, die Garnelen systematisch bearbeiten und bestimmen können.

Mich würde interessieren, wie es dazu kam und wie sich das Interesse an Wirbellosen allgemein bis hin zu dieser Spezialisierung entwickelt hat.
Ingo
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BeitragBeitrag #3 vom 28.09.2004 - 14:14  Titel:  

Hallo Werner !

was mich bei dieser Taxonomie und Systematik Geschichte brennend interessiert ist wie man hier die Grenze zwischen Variationen bei einem Individuum einer Art und der Zuordnung zu einer "neuen" Art zieht ? Wie genau bzw. schwammig ist so eine Grenze eigentlich ?
Da mir schon oefters (vor allem bei Welsen, sorry ist mir aber hauptsaechlich da aufgefallen) aufgefallen ist, das von bestimmten Arten der Name voellig umgekrempelt wird und in einen anderen (nicht neuen!) Stamm wandert (also auch z.B. der erste Teil des lateinischen Namens) ist dies fuer einen Laien sehr schwer nachvollziehbar.
Wie spezifisch sind solche Klassifizierungen dann eigentlich ? Mit welcher Genauigkeit schaetzt Du kann man ein spezielles Individuum zuordnen bzw. was fuer Daten benoetigst Du dazu ? Brauchst du ausser dem Tier selbst dazu auch Daten bezueglich der Herkunft ?
Mich wuerde da eben speziell deine Erfahrung in der Praxis interessieren, bzw. die Schwierigkeit dabei wie Du sie erlebst Smile

Thnx, lg ingo
shary
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BeitragBeitrag #4 vom 28.09.2004 - 14:42  Titel:  

hi werner
2 fragen:
welche wirbellosen pflegst du selber?
gibt es heimische garnelen/krebse/schnecken, die man in entsprechenden (kaltwasser)becken halten könnte bzw. darf (artenschutz)?
lg shary
wklotz
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BeitragBeitrag #5 vom 28.09.2004 - 15:02  Titel:  

Hallo Jürgen!
Danke für die Einladung zum Gespräch, oder besser Geschreibe Zwinker
Ich hoffe dass das Projekt ein Erfolg wird und die Forumsleser sich rege daran beteiligen werden.

Ich beschäftige mich seit meiner Jungend mit wirbellosen Tieren. Anfang der 80er Jahre war ich eine Zeitlang Mitglied der Entomologischen Arbeitsgemeinschaft an der Universität Innsbruck, wo ich mich vor allem mit der Zucht von Nachtschmetterlingen beschäftigt habe.
Über die Fliegenfischerei bin ich von den Schmetterlingen zu den Wasserinsekten gekommen. Hier beschäftigen mich vor allem die Vorkommen von großen Arten der Steinfliegen der Familie Perlidae in den heimischen Gewässern.
Eine befreundete Aquarianerin brachte mir vor Jahren einige kleine Süßwassergarnelen von einem Treffen von Mitgliedern der newsgroup de.rec.tiere.quaristik mit. Diese Tiere stammten aus der Zucht von Werner Krafczyk und wurden mir als "irgend eine Neocaridina oder Caridina Art" übergeben. Da sich die Tiere in meinem Aquarium gut vermehrten hatte ich bald genug Material zur Verfügung, dass ich einen Versuch der Bestimmung der Tiere wagen wollte. Wohl mehr als glücklicher Zufall gelang es mir in kürzester Zeit die Tiere als Neocaridina denticulata sinensis zu identifizieren. Während dieser Arbeit konnte ich Kontakt zu Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Wirbellose des Binnenlandes (AGW) aufzunehmen, vor allem zu Andreas Karge, Kai A. Quante und Chris Lukhaup.
Ähnlich dem System der L-Nummern bei den Welsen war es eine der Ziele der AGW ein ähnliches System für Süßwassergarnelen, wo immer ein wissenschaftlicher Name nicht zur Verfügung stand, zu entwickeln. Tiere aud der Familie der Atyidae, also den Zwerg- und Fächergarnelen wurden A-Nummern, Tieren der Familie der Palaemonidae, also den Großarmgarnelen P-Nummern zugewiesen.
A. Karge hatte zu diesem Zeitpunkt schon mit dem Versuch begonnen, die Bienengarnele einer wissenschaftlich beschreibenen Art zuzuordnen.
Als Knackpunkt bei der taxonomischen Arbeit mit Süßwassergarnelen erwies sich schnell die Verfügbarkeit der entsprechenden Primärliteratur, da diese vor allem in asiatischen Fachzeitschriften veröffentlicht wurde.
Als Uni-Mitarbeiter konnte ich auf einen Teil der Literatur zugreifen, die von Andreas schon lange gesucht wurde, er konnte dafür im Austausch Literatur von der Uni Hong Kong beisteuern. So gelang es uns bis heute eine etliche tausend Seiten umfassende Literatursammlung aufzubauen.
Was anfänglich mit dem kleinen Versuch die eigenen Garnelen im Aquarium einer Art zuzuordnen begann, ist heute zu einer mehr als abendfüllenden Beschäftigung geworden. Ich verbringe momentan sicher 3 bis 4 Stunden am Tag hinter dem Mikroskop oder beim Literaturstudium.
Glücklicherweise ist es uns auch gelungen Kontakt zu den Profis an den Universitätsinstituten von Singapur, Hong Kong und Colombo zu knüpfen, die uns in unserer Arbeit unterstützen.

mfg Werner
Jürgen
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BeitragBeitrag #6 vom 28.09.2004 - 15:05  Titel:  

Hoi - Regeln sind dazu da, um gebrochen zu werden Zwinker
Nun gut - vorgesehen wäre >> eine Frage
>> die Antwort darauf

>> eine neue Frage (eines anderen Posters)
>> die neue Antwort darauf

Nun gut. Es ist auch nicht ganz verkehrt, wenn mal mehrere Fragen auf einmal zusammenkommen, das dürfte auch seinen Reiz haben und erleichtert vielleicht sogar für den Gesprächspartner die Beantwortung (zumindest wärs zeitsparender). Ich würde mal vorschlagen, dass wir so weitermachen wie nun begonnen, und das Interview später mal auf einer Seite zusammenschneiden, sodass sich ein freundlicherer Textfluss ergibt.
Bitte nicht auf meinen Einwurf hier posten, sondern in der Ankündigung [Im Gespräch]: Mr. x die Diskussion weiterführen.

Weiter so - die Fragen sind bisher sehr gut!

Lg
Jürgen
ManniAT
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BeitragBeitrag #7 vom 28.09.2004 - 16:18  Titel:  

Hallo Werner,

auch wenn es nicht direkt das Thema Garnelen betrifft - mich interessiert ein wenig der Mensch dahinter.
Du schreibst, dass du dich täglich mehrer Stunden vor dem Mirkroskop bzw. entsprechender Literatur befindest.
Die Anmerkung "abendfüllend" kling nach Freizeit, die Uni-Anmerkungen nach Beruf.

Frage: sind die Garnelen dein Beruf bzw. ein Teil davon -- oder ist das eine rein private Sache?

lg

Manfred
wklotz
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BeitragBeitrag #8 vom 29.09.2004 - 15:08  Titel:  

Hallo Forumsgemeinde!

Ich bin heute extra früher aufgestanden um ausführlich auf die bisherigen Fragen antworten zu können. Nach einer knappen Stunde am Schreiben hat sich mein PC dann kurz vor dem Absenden der Antwort verabschiedet Zornig

Inzwischen ist mein Gemüt wieder abgekühlt und ich will es noch einmal probieren. Ich beginne in umgekehrter Reihenfolge mit der Beantwortung eurer Fragen, da die hinteren Fragen schneller zu beantworten sind.

@Manfred:

Beruflich sitze ich als Uni-Angestellter in einem medizinischen Labor und beschäftige mich mit Autoimmundiagniostik: http://www.geocities.com/ResearchTriangle/System/5930/ und ein wenig mit der Infektionsdiagnostik, hier speziell mit dem Nachweis des Erregers der Ehrlichiose, einer durch Zecken übertragenen Krankheit.
Die Arbeit mit der Taxonomie von Süßwassergarnelen beschränkt sich auf den privaten Bereich, wenngleich mir meine Stellung als Universitätsangehöriger sicher beim Zugang zu Fachliteratur und beim Kontakt mit den Universitäten in Fernost zugute kommt.

@shary:

Die Frage, welche Wirbellosen ich selber pflege ist nicht ganz einfach zu beantworten. Als "ständige Bewohner" in meinen beiden größeren Aquarien leben die Europäische Süßwassergarnele Palaemonetes antennarius, die inzwischen fast weltweit verbreitete Rückenstrichgarnele Neocaridina denticulata sinensis, einige Amanogarnelen Caridina japonica sikokuensis, und die Ringelhandgarnelen Macrobrachium dayanum. Dazu einige Schneckenarten wie Physia-Blasenschnecken, Posthornschnecken, Tellerschnecken, Turmdeckelschnecken,...
Neben diesen Dauergästen stehen bei mir aber eine wechselnde Anzahl an Klein- und Kleinstbecken, in denen sich Garnelen befinden, die auf die Bestimmung warten, oder deren Larvalentwicklung studiert werden soll.
Ich versuche aber, die Anzahl dieser Becken möglichst gering zu halten, da ich nicht unendlich viel Zeit jeden Tag mit Fütterung und Wasserwechseln verbringen möchte. Außerdem habe ich persönlich nur wenig Interesse, zehn verschiedene Caridinaarten zu halten, die sich äußerlich kaum unterscheiden lassen.

Zu den heimischen Arten:
bei den Garnelen sind hier die schon erwähnte P. antennarius zu erwähnen, oder die ähnliche, aber nicht verwandte Art Atyaephyra desmaresti. Andere in Europa vorkommende Garnelenarten dürften nicht im Umlauf sein. Um bei den Gliederfüßlern zu bleiben wären noch die beiden "Urzeitkrebse" Lepidurus apus und Triops cancriformis zu nennen.
Weniger spektakulär aber nicht minder interessant sind diverse Schneckenarten und kleinere Wirbellose aus heimischen Gewässern. Ich habe über eine länger Zeit ein Becken gepflegt, in dem neben mehreren Schneckenarten Insektenlarven und diverse Wurmarten lebten. Es war faszinierend zu sehen, wie sich ein solches Becken im jahreszeitlichen Verlauf verändert. Bei einigen Arten von Insektenlarven ist aber wohl auf die Temperaturansprüche und den hohen Sauerstoffbedarf dieser Arten Rücksicht zu nehmen. Ev. wäre hier eine Kühlung des Aquariums oder eine dauernde Frischwasserzufuhr notwendig.
Von den heimischen Krebsarten können alle auch im Aquarium gehalten werden, beim Edelkrebs Astacus astacus mit seinen höheren Ansprüchen an die Wasserqualität würde ich aber nur ehrfahrenen Aquarianern zu einer Haltung raten. Von der Aquariumhaltung von Muschelarten würde ich prinzipiell abraten, die Tiere sind in der Regel im Aquarium zum Verhungern verurteilt.
Mit dem Naturschutz dürftest du nicht in Konflikt kommen, außer bei der Haltung von Libellenlarven. Allerdings sollte gerade bei den Krebsen (aus Fischereirechtsgründen) und bei den Triops (Artenschutz) auf eine Entnahme aus der Natur verzichtet werden. Hier kann problemlos auf das Material von anderen Züchtern zurückgegriffen werden.

@Ingo:
Du sprichst zwei tiefgehende Probleme bim taxonomischen und systmatischen Arbeiten an.
Zum ersten den Begriff der Artdefinition. Die Frage, wodurch sich eine Art von einer anderen unterscheidet beschäftigt die Systmatiker seit Jahrhunderten und wir waren wohl noch nie so weit von einer einheitlichen Definitoin entfern wie heute. Hinter mir am Boden liegt ein Scriptum von fast 900 Seiten, welches sich nur mit dieser Problematik befasst.
Im Prinzip kann eine Art auf drei verschiedene Arten definiert werden, zu allen drei Methoden kennt die Natur aber mehrere Beispiele, die dieser Definition wiedersprechen.
Zuerst der morphologische Artbegriff. Demnach sind zwei Populationen von Lebewesen dann als getrennte Arten zu bezeichnen, wenn sie sich in einem oder mehreren Merkmalen klar unterscheiden. Bei den Garnelen werden z.B. Tiere unterschiedlichen Arten zugeordnet, wenn sie sich in der Länge des Rostrums, also relativ minimal unterscheiden. Ein Bernhardiner und ein Pekinese dagegen um ein Beispiel aus der Hundewelt zu nennen unterschedien sich in einer Reihe von Merkmalen, wie der max. Körpergröße, dem Bau der Schädelknochen, der Fellfarbe,... Ungeachtet dessen werden sie zu ein und der selben Art gezählt. Bei den Menschen binden wir das selbe Problem. Ein afrikanischer Pygmäe unterscheidet sich von einem Eskimo in mehreren Körpermerkmalen. Dennoch verbietet es uns die Ethik den Menschen in verschiedene Arten aufzuteilen.
Beim biologischen Artkonzept geht man dagegen davon aus, dass Populationen unterschiedlicher Arten durch reproduktive Schranken von einander getrennt sind. D. h. keine fruchtbaren Nachkommen untereinander zeugen können. Gründe dafür können anatomischer Natur oder auch darauf zurückzuführen sein, dass z.B. zwei Arten zu unterschiedlichen Zeiten paarungsbereit sind. Auch heir gibt es aber Beispiele, wo dieses Artenkonzept gültiger Systematik wiederspricht. Im Norden Nordamerikas lebt z.B. der Grauwolf , ganz im Süden der Kojote. Wo sich die Verbreitung der beiden Arten überschneidet kam es zu Hybridisierungen mit dem Rotwolf als Ergebnis. Bei afrikanischen Regenbogenfischen unterschiedlicher Arten kommt es ebenfalls zu Hybridisierungen mit fertilen Nachkommen.
Reproduktive Schranken können aber auch geographische Hindernisse sein . Wenn sich in zwei nicht miteinander verbundenen Seen Garnelenpopulationen bilden könnten diese unterschiedlichen Arten angehören. Ging man früher davon aus, dass sich durch diese räumliche Trennung mit der Zeit anatomische oder sonstige Hindernisse ausbilden würden, die auch bei einem Wiederzusammenkommen der beiden Populationen eine Fortpflanzung unmöglich machen würden, so gehen moderene Artkonzepte davon aus, dass alleine die räumliche Trennung als Artbildung bewertet werden kann. Allerdings würden nach diesen Theorien auch die Tiere in unseren Aquarien neuen Arten angehören, da ja durch die räumliche Trennung kein Genaustausch mehr mit ihren Artgenossen in den natürlichen Gewässern möglich ist!
Das dritte Artkonzept nun betrifft die genetischen Unterschiede zwischen verschiedenen Populationen. Im Prinzip bleiben auch hier die gleichen Probleme aufrecht wie beim morphologischen Artkonzept, da auch hier der Grad der genetischen Abweichung, ab dem zwei Populationen nicht mehr als der gleichen Art zugehörig zu bezeichnen sind, nicht einfach zu ziehen sind.

Ist schon die Definition der "Art" ansich mit Problemen behaftet zieht sich das Dilemma auch durch die taxonomischen Begriffe, Lokalform, Unterart, Gattung und weiter nach oben.

Ich will versuchen, das Grundgerüst dennoch kurz zu erläutern:
Die sogenannten supraspezifischen Begriffe wie Lokal- oder Farbform sind noch relativ klar zu umreissen. Tiere der gleichen Art, die sich nur in der Körperfarbe unterscheiden wären als Farbform zu bezeichnen. Bei den Garnelen finden wir ein Beispiel hierfür bei der "normalfarbigen" Rückenstrichgarnele N. denticulata sinensis und deren rote Farbform der Red Cherry/Red Fire.
Unterscheiden sich zwei Populationen einer Art aus unterschiedlichen Fundorten durch geringfügige Merkmale, die mit großer Wahrscheinlichkeit auf eine Anpassung an die jeweilige Umgebung zurückzuführen ist (z.B. etwas gedrungenere Körperform oder kürzere Beine einer Garnele aus einem rasch fließenden Gewässer im Vergleich zu einem graziler gebauten Tier der gleiche Art aus einem See) dann könnte man von unterschiedlichen Lokalformen sprechen.
Zu bemerken wäre dabei, dass der Trend bei den meisten Taxonomen deutlich weg von der Verwendugn dieser Begriffe hin zur Aufstellung eigener Arten geht.
Unter Unterart versteht man Tiere, deren Körpermerkmale in einem Ausmaß differieren, welches eine Separation als eigene Art nicht zu rechtfertigen scheint. Frühere Lokalformen werden heute oft als Unterarten geführt.
Den Begriff Art habe ich schon kurz erläutert. Nach dem morphologischen Artkonzept gehören Tiere unterschiedlichen Arten an, wenn sie sich in mindestens einem Merkmal deutlich voneinander unterscheiden.
Wie "schwammig" das ganze sein kann, möchte ich wieder mit einem Beispiel aus dem Bereich der Garnelen erläutern.
Prof. Yixiong Cai von der Univ. Singapur hat 1996 die Gattung Neocaridina gründlich überarbeitet, also revidiert, wie die Systematiker eine solche Arbeit nennen. Bei der Art Neocaridina denticulata fand Cai bei Tieren aus unterschiedlichen Ländern gravierende Unterschiede. So unterschieden sich die Tiere in der Länge des Rostrums deutlich. Bei N. denticulata sinensis reicht dieses bis zum zweiten Segment der Antennenbasis, bei N. denticulata denticulata weit über das Ende der Antennenbasis hinaus. Auch bei den männlichen Geschlechtsorganen fand Cai große Unterschiede. so fehlte das kleine Anhängsel am Innenast des ersten Schwimmbeinpaares, der Appendix interna bei manchen Tieren völlig, bei anderen war er sehr schlank und wieder bei anderen dick und dreieckig geformt. Cai beschloss die Tier in unterschiedliche Unterarten einzuteilen.
1999 revidierte Cai eine andere Artengruppe, jene um Caridina serrata. Diese Tiere sind einander viel ähnlicher als die Neocaridina Arten. C. serrata und C. cantonensis unterscheiden sich in der Länge des Rostrum z.B. nur geringfügig, bei C. serrata reicht es bis zum Ende des ersten Antennensegmentes, bei C. cantonensis bis zum Beginn des zweiten. Auch die Unterschiede im Bau der Geschlechtsorgane fallen bei einigen Arten sehr gering aus. Trotzdem entschloss sich Cai nicht zur Aufstellung von Unterarten, sonder trennte die unterschiedlichen Tiere diesmal als eigenständige Arten von C. cantonensis und C. serrata ab!

Unerscheiden sich nun mehrere Arten in einem gemeinsamen Merkmal von anderen Tieren fasst man diese als Gattung zusammen. Mehrere Gattungen, die ein gemeinsames Merkmal tragen werden zur Familie zusammengefasst...

Nun liegt die Problematik dieser Einteilungen eben in der Unterschiedlichen Beurteilung der einzelnen Merkmale durch die Taxonomen. Der eine legt vielleicht mehr Wert auf die Beurteilung der Geschlechtsorgane, ein anderer auf andere bewertet diese weniger, da sie bei jungen und weiblichen Tieren nicht für die Bestimmung verwendet werden können und stellt andere Merkmale in den Vordergrund . Ein dritter Wissenschaftler legt nun mehr Wert auf das biologische Artenkonzept und teilt die Arten nach der Art der Larvalentwicklung ein.
Dadurch kommte es unweigerlich zu unterschiedlichen Beurteilungen und ständigen Veränderungen in der Systematik.
Wir müssen meine Meinung nach daher lernen, dass die Systematik kein starres Gebilde sonder ein Gefüge mit Veränderungen und Übergängen ist. Wir werden bei vielen Arten auch sagen müssen, ein Tier steht in der Nähe einer beschreibenen Art, als ein Tier gehört zu dieser Art.

Dieses System mit seinen Unschärfen ist eines der Probleme mit dem ich jeden Tag zu kämpfen habe. Ich abe z.B. Yixiang Cai verschiedene Tiere aus der serrata- Gruppe wie Bienengarnelen, Tigergarnelen und Crystal Reds zur Bestimmung übergeben. Interessanterweise weist Cai alle Tiere unterschiedlichen Arten zu, obwohl wir davon ausgehen, das die Crystal Red Garnele nur eine Farbform der Bienengarnele darstellt. Für mich ein Anzeichen dafür, dass sich einige "Arten" der serrata-Gruppe so nahestehen, dass sie (auch vom weltweit wichtigsten Experten für diese Tiere!) nicht klar unterschieden werden können. Damit sind für mich einige Arten nur Lokal- und Farbformen von C. cantonensis. Es ist nun aber für mich als Laien verdammt hart, aber zugleich auch sehr spannend diese Dinge mit den wirklichen Experten zu diskutieren.

Du sprichst auch die fehlenden Herkunftsbezeichnungen als mögliches Problem bei der Bestimmung von Garnelen an. Ich konnte vor einiger Zeit die Grüne Zwerggarnele der indischen Art Caridina babaulti zuordnen, wobei ich Unterschiede beim Bau des fünften Beinpaares fand und unsere Grüne Garnele als eine noch unbeschreibene Unterart dieser Art bezeichnet habe. Inzwischen habe ich mindestens fünf weitere Garnelenarten finden können, die in unmittelbare Nähe dieser Art zu stellen wären. Nun würde es nahe liegen, diese Arten als neue Arten zu beschreiben und zu benennen. Das ist aber aus mehreren Gründen nicht möglich. Erstens fehlt uns die genaue Herkunft dieser Tiere. Der Umstand, dass die Tiere aus Indien importiert wurden ist meiner Meinung nach viel zu ungenau. Was für einen Wert würde eine Beschreibung eines Tieres haben, von dem man nicht weiß, wo es in der Natur lebt? Daneben ist mir beim genauen Studium der Erstbeschreibung von Bouviers Caridina babaulti aufgefallen, dass sich Tiere von unterschiedlichen Fundorten deutlich in der Eigröße unterscheiden. Von anderen Untersuchungen innerhalb der Gattung Caridina wissen wir, dass sich Tiere mit unterschiedlicher Eigröße auch in der Larvalentwicklung deulich unterscheiden, also im biologischen Sinn unterschiedlichen Arten angehören müssen. Wenn scih nun hinter der Art "Caridina babaulti" offensichlich mehrere verschiedene Arten verstecken, ist auch eine Zuordnung der neuen Arten zu dieser Art nicht mehr möglich und die gesamte Gruppe müsste revidiert werden. Das ist aber mit einem Aufwand verbunden, der für einen Laien kaum mehr bewältigbar ist. Auch hier wäre eine Zusammenarbeit mit professionellen Zoologen dringend notwendig. Leider fehlt mir im indischen Raum aber ein Ansprechpartner dafür.

Noch kurz zur Frage, nach welchen Kriterien eine Bestimmung einer Garnele abläuft. Die Wichtigkeit der Herkunft habe ich schon kurz erwähnt. Ansonsten sind die wichtigsten Bestimmungsmerkmale, die Form und Bezahnung des Rostrums, die Längenverhältnisse der Scheren- und Laufbeine sowie der Bau der äußeren Geschlechtsorgane der männlichen Tiere. Bei nahe verwandten Arten gewinnt die Beschreibung der ersten Larvenstadien immer mehr an Gewicht, dazu sind aber Aufzuchtversuche mit einer Untersuchung jedes Larvenstadiums notwendig.

mfg Werner
Ingo
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BeitragBeitrag #9 vom 29.09.2004 - 18:16  Titel:  

Hallo Werner !

Herzlichen Dank fuer Deine mehr als ausfuehrliche Antwort ! Als Jungwissenschaftler im Bereich der Formalen Methoden in Bezug auf die Entwicklung (mikro-)elektronischer Systeme bin ich natuerlich doch ein bischen ueberrascht ueber Deine Antwort, da ich (bis auf die gerade zu erforschenden Grenzbereiche) zumindest großteils exakte (reproduzierbare) Klassifizierungen gewohnt bin. Umso mehr ziehe ich natuerlich den Hut vor Deiner Arbeit und Deinem Wissen !
Damit ich Dich nicht zu sehr in Beschlag nehme habe ich auch nur mehr 3 kleine Fragen ;) aber bitte andere Fragen vorziehen und nur wennst wieder mal Zeit hast !

** gibt es ueberhaupt Bestrebungen (bzw. auch den Willen dazu) den Taxonomieprozess zu standardisieren ? (sodass verschiedene Wissenschaftler ein und das selbe Individuum auch derselben "Art" zuordnen.)

** Als Einschaetzung ; wie hoch liegt Deiner Meinung nach der Prozentsatz an korrekt klassifizierten Tieren im Aquaristikhandel ? Dies wuerde ja eigentlich eine lueckenlose Herkunfts- und Brutaufzeichnung in "artenreiner" Aufzucht bis zur dementsprechenden Logistik bedingen was ich mir bei den Preisen und der Herkunft aus fernoestlichen Massenzuchten absolut nicht vorstellen kann.
Insofern haben praezise Artenangaben im Gegensatz zur Gattungsangabe ja doch eher weniger Berechtigung ?

** Wie beurteilst Du die Rolle der Evolution und Lebensraumspezialisierung auch aufgrund dessen Veraenderung (zB durch den Menschen) beim Verschieben dieser Grenzen ? Um es vielleicht besser zu formulieren : Wie schnell entwickelt sich eine Garnelenart so weit durch "normale" Umwelteinfluesse um aus der urspruenglichen Klassifizierung "rauszufallen" ?

Nochmal herzlichen Dank fuer die letzte Antwort !

lg ingo
Jürgen
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BeitragBeitrag #10 vom 30.09.2004 - 12:15  Titel:  

Hallo Werner,

mit deiner Arbeit auf der Uni bist du sicher schon seit den Anfängen des Internets dabei.
Mich würde interessieren, in welchen (Aquaristik-) Newsgroups du dich bevorzugt aufgehalten hast bzw. noch engagierst, und welche 5 persönlichen Toplinks (gleich ob aquaristisch oder nicht) du 'mit auf die Insel' nehmen würdest.
Was war für dich die positivste Erfahrung bisher im Internet, was die schlechteste? Das kann sich auch auf Homepages beziehen, die nicht unbedingt namentlich genannt werden sollen, wenn du das nicht möchtest.

Lg
Jürgen
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